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Neue Straßenbahnen und Totalüberholung der Infrastruktur für Gorzow Wielkopolski (Polen)
geschrieben von J. aus Hakenfelde 
Moinsen,

Da die Stadt einerseits im Berlin-Brandenburg- Forum schon einige wenige Male erwähnt wurde und andererseits aufgrund der Nähe zur deutschen Grenze womöglich für den Einen oder Anderen von Interesse sein dürfte, dachte ich mir, dass ich es Euch nicht vorenthalte, zumal dort Großes bevorsteht ;-)

Außerdem habe ich einen gewissen persönlichen Bezug zur dieser Stadt, wenngleich mein letzter Besuch dort schon fast 11 Jahre zurückliegt und ich mich seitdem kaum damit (zumindest nicht mit dem dortigen ÖPNV) auseinandergesetzt habe.

Gestern bin ich per Zufall auf einen Artikel gestoßen, der mich zur weiteren Recherche anregte.

In meiner Erinnerung habe ich das dortige Straßenbahnnetz als sehr heruntergekommen behalten, im Internet kann man lesen, dass dort seit Jahrzehnten nichts mehr gemacht wurde. Einzig die alten Konstal-Wagen wurden 2014 abgestellt und komplett durch noch ältere ex-Kasseler Wegmann/Credé 6EGTW bzw. 6ZGTW (Düwag-Lizenzbau) ersetzt.

Im vergangenen Jahrzehnt wollte die Lokalpolitik bewusst nichts verbessern, man plante, durch gezielte Vernachlässigung die Stilllegung großer Abschnitte einzuleiten (z.B. den in die Großwohnsiedlung Piaski, dt. "Piastensiedlung", im Norden), ganz im Geiste eines gewissen Herrn Necker.

Vor wenigen Jahren kam die geistige Wende und man hat Pläne für die Zukunft vorgestellt.

Nun sollen diese Pläne Realität werden.

Genug der Vorrede

Im September verganenen Jahres wurde der Straßenbahnbetrieb komplett eingestellt und durch Busse ersetzt. Dieser Zustand wird bis 2019 andauern.
Während dieser langen Sperrpause wird das gesamte Gleisnetz komplett generalüberholt:
straßenbündige Abschnitte werden ersetzt, besondere Bahnkörper außerdem neu gestaltet.
Haltestellen werden mit digitalen Fahrgastinformationssystemen ausgestattet und Gleise teilweise neu geordnet.

Leider auch neue Zwangspunkte

So wird der westliche Endabschnitt der Linien 1 und 2 nach Wieprzyce (dt. Wepritz) ab Osiedle Sloneczne ("Sonnensiedlung") eingleisig, da die bisherige Zweigleisigkeit dort anscheinend nicht für nötig erachtet wird.

Gleiches geschieht mit dem Stück durch die Fußgängerzone auf der Str. Chrobrego. Es wird nun besser in das Stadtbild integriert, früher waren die beiden Gleise durch Absperrgitter abgegrenzt, was die Fußgängerzone arg zerschnitten hat. Anscheinend wird die Eingleisigkeit durch Sicherheitsaspekte begründet (die sich mir nicht erschließen).

In der Nähe der Kathedrale (deren Turm vor einigen Monaten leider abgebrannt ist) soll ein neuer zentraler Umsteigepunkt gebaut werden. Nähere Infos konnte ich dazu leider nicht finden.

Streckenausbau

Die größte Neuerung werden wohl die beiden Neubaustrecken sein. Die eine wird am Kopernikus-Park von der Bestandsstrecke der Linien 1 und 3 abzweigen, den Park queren und dahinter gen Norden abbiegen, um dann auf dem Mittelstreifen der Pilsudski-Allee in Richtung der größten Siedlung der Stadt, Gorczyn (40000 Einwohner), zu verlaufen, welche bisher von den Linien 1 und 3 nur tangiert wurde (und das ist noch ein Euphemismus).

Die zweite Neubaustrecke wird hinter der Parkdurchquerung gen Westen abzweigen und eine Verbindung zur Nord-Süd-Strecke nach Piaski herstellen, was mehr Flexibilität im Betrieb ermöglichen wird (neue Linien, Umleitungen).

Interessant ist, dass die Endstelle nicht über eine Schleife, sondern über eine zweigleisige Abstellanlage mit doppeltem "Hosenträger"-Gleiswechsel stumpf enden wird. Ein Hinweis auf den zukünftigen Fuhrpark.

Außerdem soll die Strecke zukünftig zur bestehenden Schleife Silwana verlängert werden.

Zwei Vorhaben haben es leider nicht zur Realisierung geschafft, da das zur Verfügung stehende Budget entgegen der Erwartungen nicht 400 Milionen Zlotys, sondern nur die Hälfte betragen wird.

Diese wären eine Zweigstrecke zum recht abseits gelegenen Krankenhaus im Norden der Stadt sowie die Umgestaltung des Vorplatzes am Hauptbahnhof zum multimodalen Umsteigepunkt auf dem Gelände des zentralen Busbahnhofs (welcher dann irgendwo umziehen müsste).

Dies und weitere Bestandteile sind in der 2013 vorgestellten und 2016 aktualisierten "Maximalvariante" enthalten, deren Plan hier einsehbar ist.

Hinweis 1: Die Abschnitte "A" und "C" sollen bis 2019 realisiert werden, Abschnitt "B" ist als nächster Schritt vorgesehen. Die Abschnitte "D" und "E" sind mangels Finanzierung erstmal aufgeschoben.
Hinweis 2: Am Ende des Abschnittes "A" ist im Plan eine Wendeschleife eingezeichnet, die von zwei Richtungen aus angefahren werden soll. Dies ist mittlerweile überholt, wie die Planzeichnung der vorläufigen Endstelle (weiter unten im Artikel) zeigt.

Neue Straßenbahnen

Wie bereits angedeutet hat Gorzow neue Fahrzeuge bestellt. Es handelt sich dabei um 14 neue, dreiteilige Niedeflurbahnen des Herstellers Pesa vom Typ Twist. Es sind Zweirichtungswagen, was die Stumpfendstelle auf der Neubaustrecke erklärt. Zudem werden die Bahnen nun über Klimaanlage, Fahrgastinformationssystem, Ticketautomaten, USB-Ladebuchsen, Fahrgast-WLAN sowie ein Online-Diagnosesytem zur Echtzeit-Fehlererkennung verfügen.

Die 13 bestellten Wagen werden zum Ende der Renovierungsarbeiten ihren Dienst antreten und die alten Wegmann/Credé aus den 60ern ersetzten, welche dann ausgemustert werden (einige sollen jedoch als Reserve vorgehalten werden). Ein weiterer Twist wurde explizit als Schulungsfahrzeug bestellt.

Quelle zu den Fahrzugen

Wenn ich das nun mit meinen Erinnerungen aus dem Jahr 2007 vergleiche, so fällt es mir nicht leicht zu glauben, dass es die gleiche Stadt sein soll :-P



2 mal bearbeitet. Zuletzt am 06.02.2018 23:53 von J. aus Hakenfelde.
Ja, schön ist tatsächlich was anderes als der aktuelle Zustand, teilweise kann man ja die Gleise nur erahnen.

Das die "Maximalvariante" am Bahnhof nicht realisiert wird halte ich auch nicht für sonderlich schlimm.

Die Wendeschleife am Bahnhof ist seit Jahren außer Betrieb, die SEV-Haltestelle der Straßenbahn und Bushaltestelle (Zaklad Energetyczne) nur etwa 3 Minuten Fußweg vom Bahnhof und Busbahnhof entfernt, weitere 2 Minuten durch den Park und man erreicht den Rest der Linien (AWF).

Wäre bei einem dann nötigen Umzug des Busbahnhofs so zentral nicht mehr möglich.

Und ganz ehrlich: Die Anbindung des Bahnhofs an die Ostbahnhof ist für eine 120.000-Einwohner-Stadt unter aller Sau.

Auf dem Busbahnhof dürfte definitiv mehr los sein, insofern wären das dann doch größtenteils verschwendete Mittel gewesen.

Edit: Polnische Sonderzeichen entfernt, UTF-8 ist Hexenwerk...



2 mal bearbeitet. Zuletzt am 15.02.2018 12:42 von fatabbot.
Danke erstmal für die Antwort, hab eigentlich kaum damit gerechnet, dass irgendjemand aus dem Berlin/Brandenburg-Forum sich in diese Ecke verirrt, geschweige denn dieses Monstrum von Text auch wirklich liest ;-D


Zitat
fatabbot
Dass die "Maximalvariante" am Bahnhof nicht realisiert wird halte ich auch nicht für sonderlich schlimm.

Im Falle des Bahnhof-Stummels wohl nicht, die Strecke zum Krankenhaus wäre aber nichtsdestotrotz sinvoll(er) gewesen.

Gewiss ist aber, ein Zentraler Omnibusbahnhof gehört in die Nähe einer (für die jeweilige Stadt) bedeutenden Bahnstation, dieses Konzept ist auch in anderen polnischen Städten verbreitet.

Wenn man in der Nähe eine andere, ebenso geeignete Fläche fände, hätte ich persönlich nichts dagegen.

Selbst wenn man das Bus/Tram-Terminal dann doch bauen würde, so wäre es nur konsequent, die Zufahrt der Tram nicht als Stichstrecke zu belassen, sondern deren Ende bzw. das Terminal über eine neue Verbindungsstrecke mit dem Bestand an anderer Stelle zu verbinden.

Dafür würde sich der weitere Verlauf im Zuge der Straße E. Jancarza mit Verbindung an den Bestand an der Kreuzung Estkowskiego/11.Listopada/Sikorskiego/Jancarza anbieten.

Die gerade und eingleisige Strecke zwischen Zaklad Energetyczny (Abzweig Hbf.) und Jancarza könnte getrost stillgelegt werden, da dadurch keine Haltestellen aufgegeben, sondern nur eine verlegt werden müsste (Jancarza).

Alle in der Nähe verkehrenden Trams würden fortan also über den Hbf fahren, könnten nach Belieben wenden, es gäbe einen perfekten Übergang zu den Stadtbuslinien und der Fahrtzeitverlust durch diesen Abstecher wäre nicht allzu groß.

Zitat

Wäre bei einem dann nötigen Umzug des Busbahnhofs so zentral nicht mehr möglich.

Laut Satellitenbildern dürfte es eine solche Ausweichfläche sogar in der unmittelbaren Nähe geben. Auf der anderen bzw. westlichen Straßenseite, genauer gesagt zwischen der Halle des Bahnbetriebswerks und der Ecke Jancarza/11.Listopada.
Der zur Verfügung stehende Platz ist in etwa gleich, wenn nicht größer. Der Busbahnhof befände sich nach wie vor in fußläufiger Entfernung zur Bahnstation und wäre außerdem noch ganz gut an die Straßenbahn angebunden.

Zitat

Die Wendeschleife am Bahnhof ist seit Jahren außer Betrieb (...)

Dies wird sich aber spätestens mit der Inbetriebnahme der Neubaustrecke nach Gorczyn ändern, denn die dort fahrenden neuen Linien werden zur Schleife am Hauptbahnhof geführt. Daher ist es wichtig, auch diese Stichstrecke zumindest zu sanieren, wenn das Geld für weitere Maßnahmen nicht reicht.

Zitat

Und ganz ehrlich: Die Anbindung des Bahnhofs an die Ostbahnhof ist für eine 120.000-Einwohner-Stadt unter aller Sau.

Verständnisfrage: Ist damit der Berliner Ostbahnhof gemeint?
Ich kann es nicht begreifen, wieso beim Umbau des Abschnittes Ostkreuz-Ostbhf. die Anbindung der Ostbahn an die Frankfurter Bahn nicht einmal baulich vorbereitet wurde. In Berlin werden Vorleistungen gerne in den (Märkischen) Sand gesetzt, wieso dann auch nicht dort?



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 18.02.2018 02:03 von J. aus Hakenfelde.
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