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"Moia" - lästige Konkurrenz für den klassischen ÖPNV oder wertvolle Ergänzung?
geschrieben von Jules 
Das Taxi-Gewerbe in Hannover ist offensichtlich erleichtert über das Ende von Moia in Hannover:
"Nach Einschätzung des Taxigewerbes war Moias Geschäftsmodell von Beginn an auf Expansionskurs ausgerichtet und stark subventioniert. Dies habe zu einer verzerrten Wettbewerbssituation geführt, die zahlreiche Taxiunternehmen wirtschaftlich unter Druck gesetzt habe. Der jetzige Rückzug werde als Indiz für eine fehlende langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit dieser Strategie gewertet."
Quelle: [www.taxi-heute.de]
Wenn die Einschätzung der Meldung von taxi-heute zutrifft, dann stellt sich die Frage, ob das nicht auch für Hamburg gelten muss. Dort ist Moja weiter am Start und will mit autonom fahrenden Fahrzeugen experimentieren.
In der Meldung auf taxi-heute verspricht die Taxi-Branche: "Das Taxigewerbe kündigt an, die entstandene Lücke im Mobilitätsangebot zu schließen. Man verweist auf eine seit Jahrzehnten etablierte Infrastruktur, gesetzlich regulierte Preise sowie eine rund um die Uhr verfügbare Dienstleistung. Diese sei unabhängig von digitalen Zugangsvoraussetzungen nutzbar."
Mir ist beim Bestellen eines Taxis in Hannover aufgefallen, dass die Bestellung weiterhin mit Sprache bei einem Telefongespräch möglich ist, aber am anderen Ende der Leitung ein Computer den Auftrag entgegennimmt. Das hat gut funktioniert. In einem besonders speziellen Fall war es darüber hinaus kein Problem, einen echten Menschen als Gesprächspartner an die Leitung zu bekommen.
(Hinweis, zitiert bei Wikipedia: "Taxi Heute (Eigenschreibweise: taxi heute) ist ein achtmal jährlich erscheinendes, IVW-geprüftes Fachmagazin für Taxi- und Mietwagenunternehmer aus dem Huss-Verlag in München. Gegründet wurde der Titel im Jahr 1977 von Verleger Wolfgang Huss in München.")
Zitat
Jules
Wenn die Einschätzung der Meldung von taxi-heute zutrifft, dann stellt sich die Frage, ob das nicht auch für Hamburg gelten muss. Dort ist Moja weiter am Start und will mit autonom fahrenden Fahrzeugen experimentieren.

Natürlich gilt das vom Grundsatz her auch in Hamburg: Mit Fahrpersonal betrieben ist das Ganze sicherlich ein Zuschussgeschäft, weil man nicht soviele Fahrten bündeln kann wie erforderlich wäre, um große Einspareffekte zu erzielen, die den Preisvorteil rechtfertigen. So richtig funktionieren diese Angebote aktuell nur, wenn sie irgendwie subventioniert werden - entweder wie hvv hop & Co. durch die kommunalen Aufgabenträger oder wie Moia durch einen Großkonzern, der ein Interesse an einem Markteinstieg für autonome Fahrzeuge hat und genügend Geld, um ein paar Jahre personalbedienten Vorlaufbetrieb zu finanzieren.

Insofern hängt die Zukunft von Moia in Hamburg sicherlich vor allem davon ab, wie schnell es gelingt, flächendeckend autonom zu fahren bzw. wie lange VW diesen Vorlaufbetrieb finanzieren kann und will.

Das Ganze ist vermutlich ein wichtiger Zukunftsmarkt u.a. für Autokonzerne. Diese müssen durch das autonome Fahren damit rechnen, dass viele Menschen sich bei der Frage "Brauche ich ein eigenes Auto?" möglicherweise zukünftig stärker von der ökonomischen Vernunft leiten lassen und sich auf solche Fahrdienste statt eigene Fahrzeuge verlassen, ist es wohl sinnvoll, sich hier "ein Stück vom Kuchen" sichern zu wollen und damit Geld zu verdienen, die Menschen mit konzerneigenen Fahrzeugen autonom zu befördern.

Zitat
Jules
(Hinweis, zitiert bei Wikipedia: "Taxi Heute (Eigenschreibweise: taxi heute) ist ein achtmal jährlich erscheinendes, IVW-geprüftes Fachmagazin für Taxi- und Mietwagenunternehmer aus dem Huss-Verlag in München. Gegründet wurde der Titel im Jahr 1977 von Verleger Wolfgang Huss in München.")

Ergänzung zum Hinweis: Der Huss-Verlag ist ein ziemlich großer Verlag für Fachzeitschriften für unterschiedlichste Berufsgruppen.
Im Rhein-Main-Gebiet fahren autonome Fahrzeuge von KIRA. KIRA = KI-basierter Regelbetrieb autonomer On-Demand-Verkehre
Initiiert durch RMV (Rhein-Main-Verkehrsverbund) und DB (Deutsche Bahn).

Ziel soll es unter anderem sein, den Betrieb autonomer Klein-Fahrzeuge als Zubringerfahrzeuge bzw. als Ergänzung zum richtigen ÖPNV zu testen. "Damit machen wir uns auf den Weg, in den 2030er Jahre mit autonomen On-Demand-Shuttles das öffentliche Verkehrsangebot zu ergänzen und vor allem im ländlichen Raum auszubauen.", heißt es auf der Kira-Internetseite [kira-autonom.de]

Dass ÖPNV-Anbieter einen solchen Versuch finanzieren, erscheint mir einleuchtend. Aber warum ein Autobauer wie VW? Warum bietet VW Moia an? Gefährdet ein Autobauer damit nicht sein eigentliches Geschäftsmodell, möglichst vielen Menschen Autos zu verkaufen? Oder ist Moia ein ganz anderes Angebot als KIRA?

In einem Interview auf Youtube wird der Projektleiter des KIRA-Projekts beim RMV, Thorsten Möginger, gefragt: "Warum sehen wir das Fahrzeug jetzt gerade hier und nicht in München oder Berlin?"
Die Antwort: "Unser Fokus ist tatsächlich in den ÖPNV integrierte Mobilitätsangebote zur Verfügung zu stellen und wir haben den Fokus mehr auf den ländlichen Raum gelegt, als auf die Großstadt, weil wir der Überzeugung sind, dass ein sehr großer Bedarf an Mobilität gerade im ländlichen Raum besteht. Und deswegen wollen wir hier zeigen, dass es möglich ist."
[www.youtube.com]



2 mal bearbeitet. Zuletzt am 24.07.2025 01:54 von Jules.
So lange diese Shuttles nicht in die Verkehrsverbünde vom Tarif integriert sind, sind diese keine wirkliche Alternative zum klassischen ÖPNV, sondern täuschen etwas nur vor.

Mfg

Sascha Behn
Zitat
Jules
Dass ÖPNV-Anbieter einen solchen Versuch finanzieren, erscheint mir einleuchtend. Aber warum ein Autobauer wie VW? Warum bietet VW Moia an? Gefährdet ein Autobauer damit nicht sein eigentliches Geschäftsmodell, möglichst vielen Menschen Autos zu verkaufen? Oder ist Moia ein ganz anderes Angebot als KIRA?

Ich denke für die Autobauer wird es darum gehen, seine Fahrzeuge dauerhaft zu vermarkten. Solche Modelle (insbesondere das autonome Fahren) bieten das Potenzial, dass perspektivisch deutlich weniger Menschen auf ein eigenes Auto "angewiesen" sind.

Mit "angewiesen" meine ich vor allem diejenigen Menschen, die weit verstreut in Einfamilienhäusern und/oder ländlichen Dörfern ohne gut ÖPNV-Erschließung leben, die eine uneingeschränkte Teilhabe am soziokulturellen Leben ermöglichen. Damit meine ich, dass man z.B. auch mal ins Kino oder Theater geht und von dort auch noch nach Hause kommen möchte oder dass man nach der Arbeit noch gesellig etwas essen oder zum Sport geht, bevor man nach Hause fährt oder auch nur von der Norm abweichende Arbeitszeiten hat.

Bisher hat die Autoindustrie es vermocht, quasi die gesamte Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass man für solche Fälle einen eigenen PKW benötigt. Die privaten Haushalte glauben daran und stellen sich zig Tausende Euro gebundenes Kapital in Blechform in die Vorgärten. Die Verkehrspolitik glaubt vielerorts daran und meint alles außer Schulbussen wäre im ÖPNV unnötiger Luxus, weil jeder "normale" volljährige Mensch ohnehin selbst für seine Mobilität sorgt.

Mit dem autonomen elekrischen Fahren kommen da ganz neue Impuls auf den Markt: das teure eigene Auto ist gar nicht mehr zwingend erforderlich, es kann nach meinem Besuch beim Sport auch noch meinen Nachbarn aus dem Theater abholen, nachdem es tagsüber schon Medikamente für die örtliche Apotheke ausgefahren hat.

Ich denke, die Automobilkonzerne sehen dahin schon ein ziemliches Konkurrenzprodukt und das Risiko, künftig erheblich weniger Autos verkaufen zu können. Zwischen der Option, statt 1000 Autos für die Vorgärten und Parkhäuser zu verkaufen nur noch 50 an Uber & Co. zu verkaufen oder diese 50 Autos wenigstens selbst zu betreiben und im Rahmen von Mobilitätsdiensten selbst an den Endkunden zu bringen, haben sich viele Hersteller dafür entschieden, letzteres zumindest zu probieren, um einen Fuß in der Tür dieses Marktes zu haben.

Selbst wenn in dem Gesamtmarkt der Mobilität nur 10% aus wirtschaftlicher Vernunft vom eigenen Auto zu solchen Sharingmodellen wechseln, dürfte das ein milliardenschwerer Markt sein, in dem man als Großkonzern auch mal einige zig Millionen "verbrennen" kann, wenn man damit näher am künftigen Markt ist.

Zitat
Sascha Behn
So lange diese Shuttles nicht in die Verkehrsverbünde vom Tarif integriert sind, sind diese keine wirkliche Alternative zum klassischen ÖPNV, sondern täuschen etwas nur vor.

Jein, es ist vermutlich schwierig, die Milliarden auf dem Mobilitätsmarkt in diese Richtung umzulenken. Aber letztlich haben viele Menschen persönliche und berufliche Mobilitätsbudgets von hunderten Euro im Monat, die derzeit vor allem in die PKW-Flotte fließen. Ein Teil dieses Geldes kann anders verteilt werden und dadurch die Mobilitätswende vorantreiben. Es stellt sich allerdings die Frage, wie dieses Geld dauerhaft in eine ÖPNV-Integration investiert werden kann. Da kann eine starke Subventionierung, die dann halt irgendwie über Steuern finanziert werden muss, ein guter Schritt sein, aber ob es dauerhaft gelingt, die oben skizzierten Anwendungsfälle flächendeckend zu ermöglichen und dabei die ÖPNV-Finanzierung auf dem Niveau des Deutschlandtickets zu halten, wird politisch und gesellschaftlich auszudiskutieren sein. Ich fände es gut und sinnvoll, aber bin in der aktuellen politisch-medialen Diskussionskultur eher pessimistisch.

Dazu gibt es leider viele Parteien und deren Wählende, die zwar stark von einer realen und gefühlten Abgehängtheit vieler Landstriche profitieren, aber die Lösungen, die diese anbieten, würden den status quo eher zementieren als auch nur ein Stück zu verbessern.
"In Hannover hat der VW-Fahrdienst Moia vergangene Woche ein abruptes Ende erlebt. Von einem Tag auf den anderen endete das Projekt. Was bleibt, sind viele Dutzend Elektro-Crafter, die weiterhin auf dem Gelände am Vahrenwalder Wasserturm abgestellt sind."
So steht es in einem HAZ-Artikel von dieser Woche.
Warum benutzt Moia nicht einfach die Fahrzeuge aus Hannover in Hamburg weiter. Dort sollen zwar perspektivisch autonom fahrende Fahrzeuge zum Einsatz kommen, aber bis die flächendeckend eingeführt sind, können doch auch die Fahrzeuge aus Hannover zum Einsatz kommen.
Ist es nicht so, dass ein Elektro-Fahrzeug deutlich häufiger und regelmäßiger gefahren werden muss als ein Fahrzeug mit Verbrenner-Motor, damit am Fahrzeug keine Defekte auftreten? Wenn die Fahrzeuge jetzt monatelang oder gar jahrelang da rumstehen, haben sie am Ende nur noch Schrott-Wert.
Zitat aus: Dutzende Fahrzeuge im Norden Hannovers abgestellt - Nach dem Moia-Aus: Was passiert mit dem Gelände am Wasserturm? HAZ vom 24.7.25
[www.haz.de]
[archive.ph]
"Überraschend hat der VW-Fahrdienst Moia sein Angebot in Hannover beendet. Wer sich bisher mit den E-Craftern von A nach B hat bringen lassen, muss jetzt Alternativen suchen. Noch ist unklar, wer davon profitieren wird, ob Taxis oder Stadtmobil, ob E-Scooter oder Uber. Oder ob der Autoverkehr zunimmt. Wir haben mit Mobilitätsdienstleistern gesprochen." Das schreibt die HAZ vom 27.7.25.
[www.haz.de]
Oder hier: [archive.ph]
Ich finde es bezeichnend, dass die HAZ lediglich darüber spekuliert, ob durch das Moia-Aus der Autoverkehr zunimmt. Stattdessen ist doch vielmehr zu erwarten, dass der Autoverkehr abnimmt. Denn auch die Moia-Fahrzeuge sind doch vor allem eines gewesen, nämlich Autoverkehr. Und der Moia-Autoverkehr ist jetzt weg von Hannovers Straßen! Um langfristig noch mehr Kunden für den richtigen ÖPNV zu gewinnen, dürfen die Entscheidungsträger nicht davor zurückschrecken weitere Pull und Push Maßnahmen zu treffen. Die Beibehaltung des Deutschlandtickets zu einem günstigen Preis erlaubt die Benutzung des ÖPNV, ohne sich umständlich über Tarifgrenzen in Hannover und anderen Städten informieren zu müssen und ist ein wichtiges Pull-Instrument. Es zieht die Menschen zum ÖPNV hin. Aber es muss auch Push-Maßnahmengeben und eine Verteuerung des Parkens erfolgen. Und es braucht mehr und mehr Stadtteile mit Anwohnerparkzonen mit stetig steigenden Gebühren für den Anwohnerparkausweis. Langfristig darf es gar kein Parken im öffentlichen Raum mehr geben. Außerdem ist der ÖPNV-Vorrang im Straßenverkehr noch deutlich verbesserungsfähig.
Zitat
Jules
Ich finde es bezeichnend, dass die HAZ lediglich darüber spekuliert, ob durch das Moia-Aus der Autoverkehr zunimmt. Stattdessen ist doch vielmehr zu erwarten, dass der Autoverkehr abnimmt. Denn auch die Moia-Fahrzeuge sind doch vor allem eines gewesen, nämlich Autoverkehr. Und der Moia-Autoverkehr ist jetzt weg von Hannovers Straßen!

Naja, zumindest wirbt MOIA (und werben auch andere vergleichbare Anbieter damit), dass Ridepooling und Carsharing "normale PKW" ersetzen. Beim normalen Carsharing ist dabei von 10-16 privaten PKW pro Carsharing-Fahrzeug die Rede, was sich auch schon in etlichen Stellplatzbedarfsquoten niederschlägt. Wer als größerer Bauherr einen Carsharing-Parkplatz schafft, bekommt oft einige "normale" Stellplätze erlassen. Für Ridepooling habe ich dazu noch keine Zahlen gelesen, aber 0 dürften es nicht sein.

Insofern würde ich eher vermuten, dass es überhaupt nur einen ziemlich geringen Effekt hatte, dieser aber durch den Wegfall des MOIA-Angebots aber eher zu mehr zusätzlichen privaten PKW auf den Straßen führt als MOIA-Fahrzeuge entfallen. Das kann in der reinen Wahrnehmung ohne Messung auch anders wirken, da ja die MOIA-Fahrzeuge deutlich mehr auffallen als "normale" PKW.

Zitat
Jules
Um langfristig noch mehr Kunden für den richtigen ÖPNV zu gewinnen, dürfen die Entscheidungsträger nicht davor zurückschrecken weitere Pull und Push Maßnahmen zu treffen. Die Beibehaltung des Deutschlandtickets zu einem günstigen Preis erlaubt die Benutzung des ÖPNV, ohne sich umständlich über Tarifgrenzen in Hannover und anderen Städten informieren zu müssen und ist ein wichtiges Pull-Instrument. Es zieht die Menschen zum ÖPNV hin. Aber es muss auch Push-Maßnahmengeben und eine Verteuerung des Parkens erfolgen. Und es braucht mehr und mehr Stadtteile mit Anwohnerparkzonen mit stetig steigenden Gebühren für den Anwohnerparkausweis. Langfristig darf es gar kein Parken im öffentlichen Raum mehr geben. Außerdem ist der ÖPNV-Vorrang im Straßenverkehr noch deutlich verbesserungsfähig.

Ja, das wäre wohl insgesamt ganz sinnvoll.
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