Zitat
Jules
Dass ÖPNV-Anbieter einen solchen Versuch finanzieren, erscheint mir einleuchtend. Aber warum ein Autobauer wie VW? Warum bietet VW Moia an? Gefährdet ein Autobauer damit nicht sein eigentliches Geschäftsmodell, möglichst vielen Menschen Autos zu verkaufen? Oder ist Moia ein ganz anderes Angebot als KIRA?
Ich denke für die Autobauer wird es darum gehen, seine Fahrzeuge dauerhaft zu vermarkten. Solche Modelle (insbesondere das autonome Fahren) bieten das Potenzial, dass perspektivisch deutlich weniger Menschen auf ein eigenes Auto "angewiesen" sind.
Mit "angewiesen" meine ich vor allem diejenigen Menschen, die weit verstreut in Einfamilienhäusern und/oder ländlichen Dörfern ohne gut ÖPNV-Erschließung leben, die eine uneingeschränkte Teilhabe am soziokulturellen Leben ermöglichen. Damit meine ich, dass man z.B. auch mal ins Kino oder Theater geht und von dort auch noch nach Hause kommen möchte oder dass man nach der Arbeit noch gesellig etwas essen oder zum Sport geht, bevor man nach Hause fährt oder auch nur von der Norm abweichende Arbeitszeiten hat.
Bisher hat die Autoindustrie es vermocht, quasi die gesamte Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass man für solche Fälle einen eigenen PKW benötigt. Die privaten Haushalte glauben daran und stellen sich zig Tausende Euro gebundenes Kapital in Blechform in die Vorgärten. Die Verkehrspolitik glaubt vielerorts daran und meint alles außer Schulbussen wäre im ÖPNV unnötiger Luxus, weil jeder "normale" volljährige Mensch ohnehin selbst für seine Mobilität sorgt.
Mit dem autonomen elekrischen Fahren kommen da ganz neue Impuls auf den Markt: das teure eigene Auto ist gar nicht mehr zwingend erforderlich, es kann nach meinem Besuch beim Sport auch noch meinen Nachbarn aus dem Theater abholen, nachdem es tagsüber schon Medikamente für die örtliche Apotheke ausgefahren hat.
Ich denke, die Automobilkonzerne sehen dahin schon ein ziemliches Konkurrenzprodukt und das Risiko, künftig erheblich weniger Autos verkaufen zu können. Zwischen der Option, statt 1000 Autos für die Vorgärten und Parkhäuser zu verkaufen nur noch 50 an Uber & Co. zu verkaufen oder diese 50 Autos wenigstens selbst zu betreiben und im Rahmen von Mobilitätsdiensten selbst an den Endkunden zu bringen, haben sich viele Hersteller dafür entschieden, letzteres zumindest zu probieren, um einen Fuß in der Tür dieses Marktes zu haben.
Selbst wenn in dem Gesamtmarkt der Mobilität nur 10% aus wirtschaftlicher Vernunft vom eigenen Auto zu solchen Sharingmodellen wechseln, dürfte das ein milliardenschwerer Markt sein, in dem man als Großkonzern auch mal einige zig Millionen "verbrennen" kann, wenn man damit näher am künftigen Markt ist.
Zitat
Sascha Behn
So lange diese Shuttles nicht in die Verkehrsverbünde vom Tarif integriert sind, sind diese keine wirkliche Alternative zum klassischen ÖPNV, sondern täuschen etwas nur vor.
Jein, es ist vermutlich schwierig, die Milliarden auf dem Mobilitätsmarkt in diese Richtung umzulenken. Aber letztlich haben viele Menschen persönliche und berufliche Mobilitätsbudgets von hunderten Euro im Monat, die derzeit vor allem in die PKW-Flotte fließen. Ein Teil dieses Geldes kann anders verteilt werden und dadurch die Mobilitätswende vorantreiben. Es stellt sich allerdings die Frage, wie dieses Geld dauerhaft in eine ÖPNV-Integration investiert werden kann. Da kann eine starke Subventionierung, die dann halt irgendwie über Steuern finanziert werden muss, ein guter Schritt sein, aber ob es dauerhaft gelingt, die oben skizzierten Anwendungsfälle flächendeckend zu ermöglichen und dabei die ÖPNV-Finanzierung auf dem Niveau des Deutschlandtickets zu halten, wird politisch und gesellschaftlich auszudiskutieren sein. Ich fände es gut und sinnvoll, aber bin in der aktuellen politisch-medialen Diskussionskultur eher pessimistisch.
Dazu gibt es leider viele Parteien und deren Wählende, die zwar stark von einer realen und gefühlten Abgehängtheit vieler Landstriche profitieren, aber die Lösungen, die diese anbieten, würden den status quo eher zementieren als auch nur ein Stück zu verbessern.