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Sammelthread: Verkehrspolitik in Berlin
geschrieben von Arnd Hellinger 
Zitat
schallundrausch
Ich neige außerdem dazu, sie hier, in diesem ausschließlich männlich geprägten Forum, gegen zwischenzeilige Chauvinismen zu verteidigen, von wegen, hätte nicht lieber ein Kerl den Verkehrsjob machen sollen. Niemand hat das hier explizit geschrieben, aber ich sehe regelmäßig Posts, insbesondere gegen die Frauen Nikutta und Günther, die genau einen solchen Subtext in sich tragen. Da reagiere ich allergisch drauf.

Ja, die Gefahr sehe ich einerseits auch - und finde, dass man die zwischenzeiligen Chauvinismen ganz gut vermeiden kann, indem man sich beim Verfassen eines Artikels fragt, ob man diesen Satz auch bei einem Mann geschrieben hätte.

Andererseits sehe ich aber auch die Gefahr, dass man Nikutta oder Günther wegen ihres Geschlechts mit Samthandschuhen anfasst - und das wäre ja auch eine Form der Ungleichbehandlung, die sich männer- wie frauenfeindlich interpretieren lässt ("Bei Frauen kann man nicht so viel erwarten und sollte deshalb gnädiger mit ihnen umgehen" ist nun auch nicht wirklich freundlich).

Gerade bei Nikutta sollte man auch im Kopf haben, unter welchen Umständen sie ihren Posten bekommen hat: ihr Vorgänger hat, wie der weiße bim kürzlich schrieb, seinen Posten verloren, weil er auf den bevorstehenden Wagenmangel hinwies. Mit anderen Worten: Man hat eigentlich nur einen Deppen gesucht, der die Klappe hält und die Senatspolitik umsetzt, egal, mit welchen Folgen. Und das musste natürlich eine Frau sein. (Sagt letztlich auch viel über das Frauenbild aus, das in der sPD zumindest zur Zeit der Anberufung Nikuttas herrschte.) Nikutta hat diese Aufgaben hervorragend erfüllt. Sie ist sehenden Auges in eine der schwersten Krisen im U-Bahn- und Straßenbahnbereich der Nachkriegszeit geschlittert, dafür hat sie auf "gefühlige" Dinge wie Marketing gesetzt. Insofern dürfte sich so mancher Chauvinist ziemlich bestätigt fühlen: "Gefühl statt Fakten, Frauen halt". (Ja, mich schüttelt es beim Schreiben eines solchen Satzes auch!)

Wenigstens hat die ganze Geschichte ja nun eine Pointe: Es war letztlich eine Verkehrssenatorin, die die längst überfällige Fahrzeugneubeschaffung bei der U-Bahn im großen Stil einleitete.



2 mal bearbeitet. Zuletzt am 07.12.2018 06:16 von def.
@schallundrausch: Komisch, Deine Ergänzung hinsichtlich des Beitrags der Vertreterin aus Los Angeles fand ich sogar noch interessanter als den vorangegangenen Bericht über die Beiträge der anderen Gäste.

Was kann ausgerechnet aus L.A. schon positives kommen, war mein Vorurteil. In Los Angeles gibt es Menschen, die sich unter ganz schwierigen Handlungsbedingungen für konkrete Verbesserungen engagieren, ist mein positives Fazit.

Unsere Bedingungen in Berlin sind von denen in Los Angeles zu unterscheiden - ich halte sie insgesamt für sehr viel besser als in L.A., auch und gerade hinsichtlich der erreichten Position der öffentlichen Verkehrsmittel.

Wer Zeit und Lust dazu hat, sich mit L.A. zu beschäftigen, sei auf einen älteren Text von Deike Peters mit der packenden Überschrift "Mobility Politics LA Style - Der Einfluss zivilgesellschaftlicher Akteure auf die Verkehrsinfrastrukturpolitik in Los Angeles" hingewiesen: [www.geschundkunstgesch.tu-berlin.de]

@Railroader: Wenn man der Wikipedia-Seite über die "Los Angeles Metro Rail" trauen darf, wird der Ausbau von Metro und Light Rail fortgesetzt. Der Souverän selbst hat sich auch zur Finanzierung des Nahverkehrssystems bekannt, ist dieser Seite zu entnehmen: "Die Wähler von Los Angeles County (mit etwa 10 Mio. Bewohnern das einwohnerstärkste County in den USA, Marienfelde) haben im November 2008 eine zusätzliche Halb-Prozent-Mehrwertsteuer zugunsten des Nahverkehrssystems genehmigt."

Einen schönen Freitag wünscht Euch
Marienfelde
Zitat
def
Sie ist sehenden Auges in eine der schwersten Krisen im U-Bahn- und Straßenbahnbereich der Nachkriegszeit geschlittert, dafür hat sie auf "gefühlige" Dinge wie Marketing gesetzt.

Ist dem denn wirklich so?

Ich empfinde die Aussage der "schweren Krise" ebenfalls gefühlt und historisch gesehen gab es dann schon unzählige "Krisen".

Vergessen wir bitte nicht, dass wagen- und personalmäßig bis 2010 rum zwar "gefühlt" alles tutti war, aber warum war das so? Das BVG-Netz schrumpfte leistungsmäßig seit der Wiedervereinigung und so waren genug Wagen vorhanden. Natürlich konnte so jahrelang ein normaler Betrieb vorgegaukelt werden, der aber auf Kosten des Betriebsklimas ging. Man konnte überzählige Wagen verhökern und musste sich nicht auf dem Arbeitsmarkt umschauen, da der (angebliche) Personalüberhang abgebaut wurde. Dann zieht man das Angebot wieder hoch und wundert sich, wo Personal und Fahrzeuge bleiben...

Aber was war denn davor? Erinnert sich niemand mehr an die Einstellung der Straßenbahnlinien 81 (vorher 88) und 85 wegen Personalmangel? Wie sah denn die Wagenverfügbarkeit im Ostteil bis Ende der 60er Jahre bei der U-Bahn aus? Heute kann man leider nicht mehr wie 1972 und 1988 mal eben Wagen aus der anderen Stadthälfte als holen.
Oder die Einstellung der Linie 2 zwischen Wittenbergplatz und Gleisdreieck Anfang der 70er Jahre wegen der Grippe? Ältere Berliner können sich auch noch an "wegen Krankheit" geschlossene U-Bahneingänge erinnern. War das Sperrenpersonal krank, musste man den nächsten Eingang nehmen. Tradibahner hätte gewiss seine Freude gehabt, hier allmorgendlich die geschlossenen Eingänge zu posten...
Beim Bus hatte der Verkehrsbetrieb damals den Vorteil, dass die Verstärker ("E-Wagen") nicht in den Fahrplänen standen.
Bei Personalmangel (den es auch damals ständig gab) fielen die einfach aus und mangels DAISY und Internet wusste man das erst an
der Haltestelle und es wurde nirgendwo gepostet.

Kann sich noch jemand an das Chaos ab Oktober 1984 in Spandau erinnern? Man war allen Ernstes der Meinung, die U7 könnte neben dem 55er und 99er auch den 92er und die E-und Durchlaufwagen vom 54er ersetzen. Wer alte Fahrplanhefte hat, kann sich mal den Spaß machen und die Hefte von 5.84, 10.84 und 5.85 vergleichen. Was war das für ein Jubel, als der 54er (heute M45) und 94er (heute M49) nur alle 10 Minuten fuhren und E-Wagen nur im Berufsverkehr geplant waren. Wohlgemerkt - ohne S- und Regionalbahn nach Spandau! Da blieben - oh Wunder - massenhaft Fahrgäste zurück. Bis man da ausreichend nachgesteuert hatte, war es Frühjahr 85. Ebenfalls ein Treppenwitz war die kurzfristige Wiederverlängerung des 80ers (heute M32er) im Berufsverkehr nach Ruhleben ab Mai 1985. Baumaßnahmen in der Spandauer Altstadt beendeten das schon ab dem 2. Juli 1985 und im Oktoberfahrplanheft war dann sinngemäß zu lesen, dass die "Maßnahme mangels Nutzung rückgängig gemacht wird". Super. Expressbusse gab es damals bekanntlich auch nicht. Da ist das Netz heute meilenweit besser, selbst mit gelegentlichen Ausfällen, die es auch schon immer gab.


Heute liegt vieles im Argen und das muss angepackt werden - aber war deshalb wirklich früher alles besser?

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Ein fester Standpunkt ist immer wichtig - besonders in Kurven und beim Bremsen. Bitte gut festhalten!
Zitat
B-V 3313
Zitat
def
Sie ist sehenden Auges in eine der schwersten Krisen im U-Bahn- und Straßenbahnbereich der Nachkriegszeit geschlittert, dafür hat sie auf "gefühlige" Dinge wie Marketing gesetzt.

Ist dem denn wirklich so?

Ich empfinde die Aussage der "schweren Krise" ebenfalls gefühlt und historisch gesehen gab es dann schon unzählige "Krisen".

Vergessen wir bitte nicht, dass wagen- und personalmäßig bis 2010 rum zwar "gefühlt" alles tutti war, aber warum war das so? Das BVG-Netz schrumpfte leistungsmäßig seit der Wiedervereinigung und so waren genug Wagen vorhanden. Natürlich konnte so jahrelang ein normaler Betrieb vorgegaukelt werden, der aber auf Kosten des Betriebsklimas ging. Man konnte überzählige Wagen verhökern und musste sich nicht auf dem Arbeitsmarkt umschauen, da der (angebliche) Personalüberhang abgebaut wurde. Dann zieht man das Angebot wieder hoch und wundert sich, wo Personal und Fahrzeuge bleiben...

Ja, die Beispiele, die Du nennst, gab es. Aber wann gab es das letzte Mal, dass der U-Bahnverkehr im Gesamtnetz über Jahre gestört war? Oder der Straßenbahnverkehr wegen Personalmangels? Die Dimension der aktuellen Krise ist schon ziemlich ungewöhnlich.

Und man hat lange Jahre sehenden Auges nichts getan. Berlin wächst bereits seit 2005 (!) wieder, abgesehen von 2011 - wobei das eher an der Bereinigung durch den Zensus als an tatsächlicher Schrumpfung gelegen haben dürfte. Die Zahl der Übernachtungen wächst sogar seit 2001 ununterbrochen. Es war absehbar, dass sich das auch auf die Nachfrage auf den ÖPNV auswirken wird. Ebenso wie absehbar ist, dass in den 60er Jahren gebaute Fahrzeuge irgendwann am Ende ihrer Lebenszeit angekommen sein werden, und die Babyboomer am Ende ihres Erwerbslebens.

Sicher waren das politische Entscheidungen, auch außerhalb des Einflussbereichs Nikuttas. Aber es wäre ihre Aufgabe gewesen, wieder und wieder darauf hinzuweisen. Stattdessen machte sie brav das, wofür sie bezahlt wird: den Trottel spielen, der verschleppte Entscheidungen weglächelt, und dafür superironische Kampagnen bei Mitte-Hipstern in Auftrag gibt.
Zitat
def
Ja, die Beispiele, die Du nennst, gab es. Aber wann gab es das letzte Mal, dass der U-Bahnverkehr im Gesamtnetz über Jahre gestört war?

Sind die Probleme mit den Giselas und der folgenden Ausdünnung im Jahr 2000 und die der H(K)-Züge ab 2007 schon vergessen?

Zitat
def
Oder der Straßenbahnverkehr wegen Personalmangels?

Auch da gab es immer mal wieder Probleme, nur weniger schlimm und weniger präsent in den Medien.

Zitat
def
Die Dimension der aktuellen Krise ist schon ziemlich ungewöhnlich.

Ohne Frage.

Zitat
def
Und man hat lange Jahre sehenden Auges nichts getan. Berlin wächst bereits seit 2005 (!) wieder, abgesehen von 2011 - wobei das eher an der Bereinigung durch den Zensus als an tatsächlicher Schrumpfung gelegen haben dürfte. Die Zahl der Übernachtungen wächst sogar seit 2001 ununterbrochen. Es war absehbar, dass sich das auch auf die Nachfrage auf den ÖPNV auswirken wird.

"Sparen bis es quietscht". Man hat nicht zuviel versprochen...

Zitat
def
Sicher waren das politische Entscheidungen, auch außerhalb des Einflussbereichs Nikuttas.

Natürlich, die Grundlagen für die Misere wurden ab Ende der 90er Jahre gelegt. Vorm Walde, von Arnim und Sturmowski sind dafür genauso verantwortlich wie die damalige Politik.

Zitat
def
Aber es wäre ihre Aufgabe gewesen, wieder und wieder darauf hinzuweisen.

Dann käme der/die nächste Vorstandsvorsitzende und das Spiel geht von vorne los. Ist doch in anderen Teilen Deutschlands auch so.

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Ein fester Standpunkt ist immer wichtig - besonders in Kurven und beim Bremsen. Bitte gut festhalten!



2 mal bearbeitet. Zuletzt am 07.12.2018 11:42 von B-V 3313.
Zitat
def
Berlin wächst bereits seit 2005 (!) wieder, abgesehen von 2011 - wobei das eher an der Bereinigung durch den Zensus als an tatsächlicher Schrumpfung gelegen haben dürfte. ...
Aus der Sicht der Jahre - sagen wir mal 2008-2010: Hättest Du als verantwortlicher Politiker die leichten Bevölkerungszuwächse in den Jahren ab 2006 als definitiv langfristigen und vor allem unumkehrbaren Trend angesehen? Oder vielleicht nur als Strohfeuer, weil sich die langfristige Tendenz in den Jahren 1993-2005 als sinkende Bevölkerungszahl verfestigt hatte?

Zitat
def
Sicher waren das politische Entscheidungen, auch außerhalb des Einflussbereichs Nikuttas. Aber es wäre ihre Aufgabe gewesen, wieder und wieder darauf hinzuweisen. Stattdessen machte sie brav das, wofür sie bezahlt wird: den Trottel spielen, der verschleppte Entscheidungen weglächelt, und dafür superironische Kampagnen bei Mitte-Hipstern in Auftrag gibt.
Was gibt Dir die Sicherheit anzunehmen, dass sie intern gegenüber dem Senat nicht genau auf die Kapazitätsprobleme und die Überalterung des Fahrzeugparks hingewiesen hat, ohne jeden Tag die Presse lautstark darüber zu informieren? Was hätte ein lautstarkes Poltern in Richtung Senat gebracht?

Mit besten Grüßen

phönix
Zitat
phönix
Aus der Sicht der Jahre - sagen wir mal 2008-2010: Hättest Du als verantwortlicher Politiker die leichten Bevölkerungszuwächse in den Jahren ab 2006 als definitiv langfristigen und vor allem unumkehrbaren Trend angesehen? Oder vielleicht nur als Strohfeuer, weil sich die langfristige Tendenz in den Jahren 1993-2005 als sinkende Bevölkerungszahl verfestigt hatte?

Sicher nicht. Aber zumindest die zu dem Zeitpunkt aktuelle Sparen-bis-es-quietscht-Politik in Frage gestellt. Dann stünden wir heute vielleicht auch nicht gut, aber wenigstens besser da.

Zitat
phönix
Was gibt Dir die Sicherheit anzunehmen, dass sie intern gegenüber dem Senat nicht genau auf die Kapazitätsprobleme und die Überalterung des Fahrzeugparks hingewiesen hat, ohne jeden Tag die Presse lautstark darüber zu informieren?

Der Umstand, dass ich sie nicht unbedingt als öffentlichkeitsscheu beschreiben würde.

Zitat
phönix
Was hätte ein lautstarkes Poltern in Richtung Senat gebracht?

Im ersten Schritt nichts. Als Eskalationsstufe (am besten vor einer Wahl) durchaus. Immerhin ist über ein halbes Jahrzehnt ins Land geflogen. Wenn der Senat die Notwendigkeit nicht sieht, liegt es nahe, die Öffentlichkeit über die Prioritäten des Senats zu informieren.



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 07.12.2018 12:12 von def.
Zitat
B-V 3313
Zitat
def
Ja, die Beispiele, die Du nennst, gab es. Aber wann gab es das letzte Mal, dass der U-Bahnverkehr im Gesamtnetz über Jahre gestört war?

Sind die Probleme mit den Giselas und der folgenden Ausdünnung im Jahr 2000 und die der H(K)-Züge ab 2007 schon vergessen?

Auch da war naturgemäß nicht das ganze Netz betroffen.

Zitat
B-V 3313
Dann käme der/die nächste Vorstandsvorsitzende und das Spiel geht von vorne los. Ist doch in anderen Teilen Deutschlands auch so.

Kann man so sehen. Dann soll sie sich aber eben nicht beklagen, dass sie eben für die Misere mitverantwortlich gemacht wird.
Gruselig, wie weite Kreise das zieht! Quer durch alle politische Ausrichtungen wird die Personalie scharf kritisiert, das hatte ich so nicht erwartet. Dass jetzt auch noch die CDU und die AfD mit aufspringen und Kirchner verteidigen ist ja schon fast unheimlich. Entweder, er war wirklich persönlich durchweg beliebt, oder zumindest bei letzteren beiden ist auch eine gehörige Portion wohlfeile Heuchelei mit an Bord.

@André und Marienfelde, danke für die Aufmerksamkeit, sehr erfreut.
@GlobalFish, Zustimmung in allen Punkten, ich verstehe und teile Deine Haltung. Nach dem text von Oomen wirkt selbst der Rant von Wieseke schon fast wieder zahm. Da muss sich viel angestaut haben, was sich nun entlädt.
@def, so gut, dass Du die sPD mit kleinem s geschrieben hast. Bitte nur noch so! Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Dir das aus Versehen passiert ist.
@Strößenreuther - Entschuldigung, dass ich bis heute immer das erste R übersehen habe und Dich immer falsch angeredet habe. Wie kann man auch nur einen so krawalligen Namen haben und dann auch noch Radpapst werden? Autolobby wäre viel besser, klingt der Name allein doch schon wie ein grollender V8.
@def immer wenn Du "ironische Mittehipster" schreibst, zucke ich zusammen weil ich denke du redest von mir.
Kann man denn nicht das eine tun ohne das andere zu lassen? Ich will doch auch nichts mehr als einen funktionierenden zuverlässigen und ab und zu geheizten Betrieb. Trotzdem ist die Kampagne - mal ganz losgelöst von dem doch sehr morbiden Produkt - einfach mal der Brüller und ich würde den täglichen Lacher sehr vermissen.

Herzlichst,

Arian

(Medienhure/Barthipster/Prenzlwichser/Krampfadler)
Ich springe etwas spät auf, bin hier aber bei Nemo und Nordender, es ist ja bekannt, dass ich nicht viel von Kirchner hielt. Klar hat Durchregieren auch für mich Charme, aber es kommt ja immer darauf an, in welche Richtung. Und wenn es allzu ideologisch wird, wird's schon faul. Denn die Probleme sind praktischer Natur. Was Brüssel betrifft, so gibt es noch immer eine starke französische Lobby. Ich selbst war oft in Belgien und kann nur zu bedenken geben, dass die so gut wie nichts auf die Reihe kriegen, weil sie das unorganisierteste Volk sind, das ich kennen gelernt habe. Für einen Deutschen schwer auszuhalten, wie die das tägliche Management anpacken. Viel Manpower, wenig Hirn, wenig logistische Stringenz. Also alles sehr relativ.

Heidekraut zum Hauptbahnhof
Zitat
schallundrausch
Gruselig, wie weite Kreise das zieht! Quer durch alle politische Ausrichtungen wird die Personalie scharf kritisiert, das hatte ich so nicht erwartet. Dass jetzt auch noch die CDU und die AfD mit aufspringen und Kirchner verteidigen ist ja schon fast unheimlich. Entweder, er war wirklich persönlich durchweg beliebt, oder zumindest bei letzteren beiden ist auch eine gehörige Portion wohlfeile Heuchelei mit an Bord.

Nicht unbedingt Heuchelei; wenn der jeweilige politische Gegner gerade Ideen hat, sich selbst zu zerlegen, springt man nur zu gerne auf. Is normal.

Apropos: am 15.12. ist eine Aktion geplant, wonach die Friedrichstraße für 2h autofrei werden soll.

"Ebenfalls vorbeischauen wollen Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD), Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt, der in den Bundestag gewechselte Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar (alle Grüne) sowie Linken-Verkehrspolitiker Harald Wolf sowie Vorstandsleute von ADFC und BUND." schreibt der Tagesspiegel.

Und wer schaut nicht vorbei?

Zitat
schallundrausch
@Strößenreuther - Entschuldigung, dass ich bis heute immer das erste R übersehen habe und Dich immer falsch angeredet habe. Wie kann man auch nur einen so krawalligen Namen haben und dann auch noch Radpapst werden? Autolobby wäre viel besser, klingt der Name allein doch schon wie ein grollender V8.

;-)
Apropos, was meint einklich Herr Stößchenreuther zur ganzen Geschichte? " „Kein Anstand, macht man so nicht, insbesondere wenn der Arzt dringend leichte Weiterarbeit empfiehlt“
sagte er.

Zitat
schallundrausch

@def immer wenn Du "ironische Mittehipster" schreibst, zucke ich zusammen weil ich denke du redest von mir.

Keine Sorge. Jeder, der sich auskennt, weiß das zwischen einem Mittehipster und einem
Zitat
schallundrausch
Prenzlwichser
kulturelle Welten liegen. Mindestens soviel wie zwischen Badener und Schwaben. *eg*



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 07.12.2018 17:37 von Global Fisch.
Guten Abend allerseits,
na herzlichen Glückwunsch, ich hatte ja bis zuletzt gehofft, daß die Grünen noch so viel falsch machen können, aber die Mobilitätswende hin zum ÖPNV als zentralen Punkt der Parteipropaganda schon irgendwie hinbekommen werden und wollen. Und dann diese Nachricht.
Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob Hr. Kirchner in absehbarer Zeit wieder arbeitsfähig gewesen wäre, aber ihn so eiskalt abzuservieren ist wirklich das Letzte, sollte es sich so wie berichtet zugetragen haben. Und das toleriert von einer Partei, die doch immer so sozial sein will, jedes Husten in irgendeine Richtung diskriminierend findet. Für die eigenen Leute ist dann wohl kein Mitleid mehr da.
Und nein, man muß Frau Günther jetzt nicht hinter der Sexismus-Keule verstecken, Hr. Kirchner war zweifellos fachlich versierter im Bereich der Berliner Nahverkehrspolitik! Diese Frau hat sicher andere Stärken, aber ohne die fachliche Kompetenz eines Hr. Kirchners wären viele Projekte und Bürgerbeteiligungen bestimmt nicht in der Form angeschoben worden.
Wenn Hr. Kirchner wirklich noch länger gefehlt hätte, mag es natürlich nötig gewesen sein, sich nach Ersatz umzusehen, aber. was ich Frau Günther noch viel mehr Vorwerfe ist, daß die Neubesetzung offensichtlich auf nichts Anderem als Vetternwirtschaft beruht! Sie hat erfolgreich auf einem, vielleicht dem zentralen Posten für die Verkehrswende einen Kollegen/Freund installiert, der den Ausbau des Berliner ÖPNV kaum mit dem gleichen Engagement und der gleichen Sachkunde wie Herr Kirchner vorantreiben wird. Tja, dafür ist der Nachfolger sicherlich bequemer für die Frau Günther.
So kann man sich es sicherlich leicht machen, ich hoffe, entweder werden wir alle total überrascht, und der Nachfolger erweist sich als kompetenter Vorantreiber des Straßenbahnausbaus, oder Frau Günther kommt mit ihren nachträglichen Ausreden nicht durch, und es gibt einen völligen Umbau in dem Bereich...
Liebe Grüße,
Rekowagen
Was hat denn Kirchner auf der "Haben-Seite"? Was hat er denn bis Frühjahr konrekt für den Straßenbahnausbau/ die berühmte Verkehrswende getan? Ich hoffe, ich übersehe da etwas, aber mir fällt dazu nichts ein.

Mir wird auch zu schnell vergessen, dass Kirchner 2016 selbst lieber Bezirksbürgermeister werden wollte und der Staatssekretär eine Notlösung nach dem Sieg der Linkspartei (also seine Niederlage) in Pankow war. Da sehe ich persönlich nun keine brennende Leidenschaft für den gesamten Berliner Verkehr. Und als Staatssekretär wurde er von Günther ausgewählt - auch das geht hier irgendwie unter.

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Ein fester Standpunkt ist immer wichtig - besonders in Kurven und beim Bremsen. Bitte gut festhalten!



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 08.12.2018 10:30 von B-V 3313.
Zitat
B-V 3313
Was hat denn Kirchner auf der "Haben-Seite"? Was hat er denn bis Frühjahr konrekt für den Straßenbahnausbau/ die berühmte Verkehrswende getan? Ich hoffe, ich übersehe da etwas, aber mir fällt dazu nichts ein.
Soweit ich weiß war er auf vielen Bürgerveranstaltungen anwesend, und hat zumindest nach außen hin immer den Eindruck vermittelt, es interessiere ihn, was in seinem Bereich geschehe. Das kann man von der Senatorin so nicht behaupten... Aber klar, die Arbeit hinter den Kulissen kann man nicht beurteilen.

Zitat

Mir wird auch zu schnell vergessen, dass Kirchner 2016 selbst lieber Bezirksbürgermeister werden wollte und der Staatssekretär eine Notlösung nach dem Sieg der Linkspartei (also seine Niederlage) in Pankow war. Da sehe ich persönlich nun keine brennende Leidenschaft für den gesamten Berliner Verkehr. Und als Staatssekretär wurde er von Günter ausgewählt - auch das geht hier irgendwie unter.
Ich glaube eher, Günter mußte sich dem Druck beugen, Kirchners Kompetenz irgendwie zu nutzen, nachdem er als Senator verhindert wurde, weil er ein Mann, oder Realpolitiker, oder beides war...
LG Rekowagen
Zitat
B-V 3313
Was hat denn Kirchner auf der "Haben-Seite"? Was hat er denn bis Frühjahr konrekt für den Straßenbahnausbau/ die berühmte Verkehrswende getan? Ich hoffe, ich übersehe da etwas, aber mir fällt dazu nichts ein.
(...)

Politik besteht aber doch ganz wesentlich aus diskutieren, vermitteln, überzeugen, für Mehrheiten kämpfen, bevor man an die Umsetzung auch nur denken kann.

Jens-Holger Kirchner ist z.B. nach Mahlsdorf gekommen, hat die inhaltliche Debatte mit Leuten geführt, die den Ideen des Senats für den Ausbau der Straßenbahn eher skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Vor so einer Haltung habe ich großen Respekt - und sie strahlt auch aus auf diejenigen, die heute noch abseits stehen.

Klar - bis jetzt ist noch kein einziger Meter Schiene in Mahlsdorf dazugekommen. Trotzdem: Politiker wie Jens-Holger Kirchner, die sich für die von ihnen für richtig gehaltenen Ziele auch dann einsetzen, wenn es Konflikte gibt, sind für mich ein Zeichen der Hoffnung,

Marienfelde.
Zitat
schallundrausch
@def, so gut, dass Du die sPD mit kleinem s geschrieben hast. Bitte nur noch so! Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Dir das aus Versehen passiert ist.

Sehr gering, ich habe sogar die politisch komplett hinterm Mond lebende Autokorrektur korrigiert, nachdem sie aus dem korrekten "sPD" die "SPD" machte.
Kehrtwende:

Grüne stoppen Senatorin Günther

Der erkrankte Staatssekretär Holger Kirchner wird doch nicht in den Ruhestand geschickt. Der Senat soll nun eine Lösung suchen.

[www.morgenpost.de]

MfG Holger



Hoch lebe die Meinungs- und Pressefreiheit!



Zitat
Tradibahner
Kehrtwende:

Grüne stoppen Senatorin Günther

Der erkrankte Staatssekretär Holger Kirchner wird doch nicht in den Ruhestand geschickt. Der Senat soll nun eine Lösung suchen.

[www.morgenpost.de]

Gut so! Ich halte es für wenig wahrscheinlich, dass Frau Günther die Legislaturperiode noch übersteht.

André
Zu der Mobilitätskonferenz habe ich auch einen Artikel verfasst:

Zitat
Artikel in neues deutschland
»Junge Leute sind die Zukunft der Stadt. Hören Sie nicht zu sehr auf alte Menschen«, rät der Brüsseler Smet. Und: »Lasst die Menschen träumen!« Das gehe nicht mit technischen Plänen, sondern mit Bildern, wie die Straßen und Plätze zukünftig aussehen sollen. »Architekten können Pläne lesen, die meisten Bürger nicht«, ist Smet überzeugt. »Man muss über die Planungen diskutieren, aber die Politik muss entscheiden«, sagt er. Man dürfe nicht nur reden, man müsse auch liefern. Und natürlich nicht Wasser predigen und Wein trinken. Smet fährt fast ausschließlich Rad, Bus oder Bahn. »Ganz selten mal mit dem Auto«, gibt er zu.
Danke für den Link!

»Geschäftsleute denken, dass Autos Dinge kaufen. Dabei sind es die Menschen, die das tun«

... ist ein sehr schönes Zitat, das muss ich mir merken.
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