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Corona könnte längerfristig den ÖPNV schwächen
geschrieben von nicolaas 
Die Gespräche mit Verkehrswissenschaftlern für einen Artikel zu einem anderen Thema – Sammeltaxidiensten und Personenbeförderungsgesetz – äußerten gleich zwei der Gesprächspartner diesen Gedanken:
Zitat
Ingo Kollosche
Die Coronakrise könnte den ÖPNV allerdings nachhaltig schädigen. »Ich vermute, dass die Leute die Distanzierung in den Habitus übernehmen werden«, sagt Ingo Kollosche vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Die Mobilitätswelt werde sich verändern, denn die Attraktivität des Autos sei wieder da. Forscher Christoph Aberle, der an der TU Hamburg am Projekt "Mobile Inclusion" arbeitet, formuliert das so: »Die aktuelle Coronakrise ist dem Image des ÖPNV leider nicht zuträglich, schließlich nutzen jetzt viele das eigene Auto, um Infektionsrisiken zu reduzieren.«
Zitat
nicolaas
Die Gespräche mit Verkehrswissenschaftlern für einen Artikel zu einem anderen Thema – Sammeltaxidiensten und Personenbeförderungsgesetz – äußerten gleich zwei der Gesprächspartner diesen Gedanken:
Zitat
Ingo Kollosche
Die Coronakrise könnte den ÖPNV allerdings nachhaltig schädigen. »Ich vermute, dass die Leute die Distanzierung in den Habitus übernehmen werden«, sagt Ingo Kollosche vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Die Mobilitätswelt werde sich verändern, denn die Attraktivität des Autos sei wieder da. Forscher Christoph Aberle, der an der TU Hamburg am Projekt "Mobile Inclusion" arbeitet, formuliert das so: »Die aktuelle Coronakrise ist dem Image des ÖPNV leider nicht zuträglich, schließlich nutzen jetzt viele das eigene Auto, um Infektionsrisiken zu reduzieren.«

Das ist eine Gefahr, die ich auch gerade sehe. Viel, für die es jenseits des Autos eh keine Mobilität geben kann, fühlen sich nun ihrem Wunsch bestätigt, sich in ihrem Kokon vor dem Rest der Welt abzuschotten.

Umso wichtiger, dass jetzt Alternativen aufgezeigt werden, und der Umweltverbund auch während der Pandemie gestärkt wird. Viele Leute entdecken gerade das Radfahren (wieder) für sich. Das ist gesund, stärkt das Immunsystem, macht bei dem aktuellen Wetter richtig Freude, und man hält ganz intuitiv 1,5m Abstand. Der Bezirk Xhain hat da was tolles auf die Beine gestellt, das gerne bundesweit Schule machen darf:
https://www.morgenpost.de/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/article228785105/Wegen-Corona-Mehr-Platz-fuer-Radfahrer-in-Kreuzberg.html
https://taz.de/Fahrradpolitik-in-Berlin/!5670935/
https://www.tagesspiegel.de/berlin/kreative-loesungen-fuer-den-berliner-radverkehr-bezirk-stellt-poller-am-kudamm-auf/25685748.html

Im Gegensatz zur Flucht ins Auto können solche Maßnahmen tatsächlich einen nachhaltigen Effekt haben. Denn, machen wir uns nichts vor: Autofahren ist nur deshalb gerade ein Alternative, weil kaum Verkehr auf den Straßen ist. Sobald die Straßen wieder voll sind, werden sich diejenigen, die jetzt noch die unbeschwerte Fahrt genießen, werden sich dann wieder Alternativen suchen. Müssen.
Hmm, ist das nicht sehr viel Spekulatius? Vergessen wir bitte nicht, dass derzeit insgesamt durch den allgemeinen Shutdown weniger Verkehr stattfindet...

Klar wird der ÖPNV - wie fast alle Branchen - die kommenden Wochen eine Durststrecke überstehen müssen, wenn dann aber die Straßen wieder voll sind und auch die Mineralölpreise wieder anziehen, wird sich das sehr schnell ändern. Wir werden zwar wahrscheinlich mehr Fahrgäste mit Mundschutz in den Verkehrsmitteln und Bahnhöfen sehen, aber das ist - siehe Ostasien - weder negativ noch grundsätzlich neu.

Soweit es der Krankenstand nach dem Abbau in den letzten Monaten/Jahren angehäufter Überstunden indes erlaubt, sollten die VBB-Verbundpartner die jetzige "Sauere-Gurken-Zeit" nutzen, Instandhaltungs- sowie Pflegemängel bei Fahrzeugen und Bahnanlagen sinnvoll abzuarbeiten und die Rückkehr zum Normalbetrieb zumindest planerisch so vorzubereiten, dass es im Falle aufgehobener Infektionsschutsverordnungen nicht zu größeren Startschwierigkeiten kommen kann. Tun sie dies, bin ich durchaus optimistisch...

Fragen wie Klimawandel, Stadtökologie etc. sind ja durch ein paar Wochen Corona-Pause nicht aus der Welt, sondern treten nur temporär in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung.

Viele Grüße
Arnd
Durch den täglichen kurzen Weg mit dem Bus sehe ich natürlich sehr wenig Fahrgäste. Von einigen Kollegen habe ich erfahren, dass sie auch den ÖPNV meiden und das Fahrrad nehmen. Wiederum sind ja viele gezwungen zu Hause zu bleiben, sodaß es sichtbar weniger Autoverkehr gibt. Also ich kann gefühlt nicht bestätigen, dass es nun mehr Autoverkehr gibt. Im Gegenteil.



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 27.03.2020 23:09 von GraphXBerlin.
Mehr Autos im relativen Verhältnis zum ÖPNV.
Zitat
GraphXBerlin
Durch den täglichen kurzen Weg mit dem Bus sehe ich natürlich sehr wenig Fahrgäste. Von einigen Kollegen habe ich erfahren, dass sie auch den ÖPNV meiden und das Fahrrad nehmen. Wiederum sind ja viele gezwungen zu Hause zu bleiben, sodaß es sichtbar weniger Autoverkehr gibt. Also ich kann gefühlt nicht bestätigen, dass es nun mehr Autoverkehr gibt. Im Gegenteil.

Hier ist eine aufschlussreiche Grafik dazu:
[twitter.com]

Natürlich fahren aktuell weniger Autos (absolut), aber viele Menschen fahren gerade bevorzugt Auto, die sonst in den Öffis unterwegs sind. Es besteht die berechtigte Sorge, dass Leute ihre Gewohnheit ändern und sich der Modal-Split hin zum Auto verschiebt.
Ja, aber viele Selbständige und deren Mitarbeiter in Handel, Büro und Handwerk müssen zuhause bleiben. Dies betrifft zehntausende Mitarbeiter. Mich interessieren keine Excel-Tabellen wenn ich live auf den Straßen jeden Tag einen gefühlten Sonntag erlebe.
Die massiven Taktausdünnungen bestätigen leider das Image des öpnv, dass man sich in der Not nicht darauf verlassen kann.

______________________

Nicht-dynamische Signatur
Zitat
schallundrausch
Natürlich fahren aktuell weniger Autos (absolut), aber viele Menschen fahren gerade bevorzugt Auto, die sonst in den Öffis unterwegs sind.

Ja, das kann ich bestätigen. Seit die Busse ohne Fahrplan und wieder recht voll durch die Gegend schaukeln, man nicht mal den Busfahrer grüßen darf, bringt mich mein Auto zum Bahnhof. Im Gegensatz zum Bus wartet es geduldig auf meine Rückkehr, der Anschluss klappt immer, unabhängig von der Uhrzeit. Und Benzin ist günstig wie schon lange nicht mehr. Man kann sich dran gewöhnen.

so long

Mario
Zitat
schallundrausch
Viele Leute entdecken gerade das Radfahren (wieder) für sich. Das ist gesund, stärkt das Immunsystem, macht bei dem aktuellen Wetter richtig Freude, und man hält ganz intuitiv 1,5m Abstand.

Das ist soweit richtig, entdecke es auch selbst gerade wieder für mich. Aber es hat für mich auch seine Grenzen, nämlich dann, wenn der Weg zur Arbeit durch die Fahrt mit dem Rad deutlich mehr Zeit benötigt als mit dem ÖPNV (oder für Andere die Fahrt mit dem Auto). Zum Feierabend ist es entspannt, da habe ich alle Zeit der Welt, nicht aber, wenn ich zum Dienst muss.

Ich fahre vor Allem wieder gern mit dem Rad, wenn ich keinen Zeitdruck habe, um zum Beispiel Freunde zu besuchen (wenn auch nicht in der gegenwärtigen Situation) oder um einfach mal rauszukommen. Da können es dann auch 30-40 Kilometer am Tag sein. Kurze Strecken zur Arbeit, bei denen ich mit dem Rad nur unwesentlich mehr Zeit benötige als mit dem ÖPNV, sind auch kein Thema. Geht es dann aber dahin, dass ich meinen Wecker deutlich früher stellen muss, um noch pünktlich mit Rad auf der Arbeit zu erscheinen, wird es kritisch. Hinzu kommen die Witterungsbedingungen: Bei Starkregen fahre ich nicht mit dem Rad, Kälte stört mich weniger, da sind die Radwege zumindest leer. Gespannt bin ich, wie überzeugt ich im Sommer bei 36 Grad vom Rad sein werde. Völlig durchnässt möchte ich auf der Arbeit nicht ankommen und dann 9 Stunden im eigenen Saft schmoren. Ja, ich weiß, viel Mimimi dabei, aber man sollte eben bei "Ottonormal-Radfahrer" von solchen Bedenken ausgehen und nicht diejenigen zugrunde legen, die das Rad aus hundertprozentiger Überzeugung nutzen. Wenn es aber den Trend gibt, dass überzeugte Autofahrer das Auto für gewisse Strecken öfter mal zugunsten des Rades stehenlassen, ist das ja eine positive Entwicklung.



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 28.03.2020 01:21 von Railroader.
Zitat
schallundrausch
Hier ist eine aufschlussreiche Grafik dazu:
[twitter.com]

Natürlich fahren aktuell weniger Autos (absolut), aber viele Menschen fahren gerade bevorzugt Auto, die sonst in den Öffis unterwegs sind. Es besteht die berechtigte Sorge, dass Leute ihre Gewohnheit ändern und sich der Modal-Split hin zum Auto verschiebt.


Im Moment lässt sich die Situation wohl am Besten folgendermaßen beschreiben: Der Verkehr in seiner Gesamtheit ist deutlich zurückgegangen. Und es gab deutliche Verschiebungen beim Modal Split: Anteile gewonnen haben der MIV, Rad- und Fußverkehr, massenhaft verloren der ÖPNV.

Und ja, eine derartige Pandemiesituation ist - neben allem persönlichen Leid und wirtschaftlichen Verlusten - für den Öffentlichen Verkehr ein Desaster. Was im Sinne eines effizienten und nachhaltigen Verkehrs einer seiner größten Vorteile ist - nämlich die sehr platzsparende Beförderung einer großen Anzahl vom Menschen - wird jetzt durch die sehr leichte Übertragbarkeit des Virus zu einem entscheidenden Nachteil. Das lässt sich auch nicht lösen, dieser Systemnachteil lässt sich leider nicht beseitigen. Privatabteile für jeden einzelnen Fahrgast wird es kaum geben können...

Zusätzlich fatal wirkt, dass etliche Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger noch einen draufsetzen, indem sie das Angebot weit stärker zurückfahren, als von der verbliebenen Nachfrage gerechtfertigt. Dem Fahrgast und der Politik wird signalisiert: wir wollen eigentlich auch gar nicht für die Fahrgäste und die Gesellschaft da sein.
Gerade dazu wurde ja in diesem Forum in den letzten Tagen schon viel geschrieben.

Und ja, ich befürchte, dass der Öffentliche Verkehr durch diese Krise nachhaltig Schaden nehmen kann.
Viele werden sich sagen, das Auto bietet einem die größte Sicherheit in allen Lebenslagen. Egal, wie oft man im Stau steht. Und viele Politiker werden genauso denken, und die Rahmenbedingungen für den Kauf und Nutzung des Autos verbessern. Und ja, es werden auch Menschen permanent vom ÖPNV auf das Fahrrad umsteigen. Dieser Verkehr bleibt zwar immerhin im Umweltverbund, aber trotzdem fehlen dann die Einnahmen für den ÖPNV, denn er gewinnt ja von den anderen Verkehrsmitteln auch keine neuen Nutzer.

Der Finanzbedarf für die Wiederherstellung von Wirtschaft und Gesellschaft wird nach der Krise immens sein - ob dann wirklich die Bereitschaft bestehen wird, den imagemäßig angeschlagenen Öffentlichen Verkehr ausreichend zu finanzieren?

Das ist zwar spekulativ, was ich hier geschrieben habe - doch nicht völlig außerhalb möglicher Szenarien. Was vielleicht ein Hoffnungszeichen für eine schnelle Erholung des ÖPNV sein kann, zeigte sich im Nachgang nach in den letzten Jahren deutlich zugenommenen Streiks: die Fahrgäste sind flexibel genug, dass sie schnell wieder zum ÖPNV zurückgekehrt sind. Ob das hier auch greifen wird?

Bleibt gesund!
Ingolf
Zitat
Lehrter Bahnhof
Die massiven Taktausdünnungen bestätigen leider das Image des öpnv, dass man sich in der Not nicht darauf verlassen kann.

Nun, auf das Auto kann man sich in der Stadt auch dann nicht verlassen wenn gerade keine Not ist.

Ich denke, dass in einem Jahr der Virus in dieser Hinsicht vergessen ist. Man hat in den letzten 20 Jahren genug Maßnahmen gemacht, um den ÖPNV zu schwächen und die Nachfrage zurückzufahren. Da waren auch solche Klopper wie das S-Bahnchaos dabei.

Hat alles nicht funktioniert, bzw. die Alternativen funktionieren teilweise noch schlechter oder sind nicht praktikabel.

Es gibt schlichtweg kein brauchbares Alternativkonzept zum ÖPNV.

Nebenbei sind es in Deutschland nicht die Orte mit benutztem ÖPNV die die Topaddressen für eine Ansteckung. Von daher scheinen andere Orte besser geeignet zu sein um sich anstecken zu lassen als ein voller Bus. Gab es eigentlich auch nur einen einzigen Fall, wo man davon ausgeht dass die Ansteckung im ÖPNV erfolgt ist? Es mag ein Risiko bestehen, aber es ist nur dann groß wenn man mit den angestrebten aber nicht zumutbaren 140% Auslastung fährt.

Gruß Nemo
---

Eine Straßenbahn ist besser als keine U-Bahn!!
Zitat
Nemo
Es mag ein Risiko bestehen, aber es ist nur dann groß wenn man mit den angestrebten aber nicht zumutbaren 140% Auslastung fährt.

Wie kannst du das mit Sicherheit sagen? Die "Ansteckungsketten" sind allgemein noch nicht klar. Wie kannst du also etwas ausschließen? Logischer Menschenverstand: Klar vermehrt sich ein Virus, das mit Tröpfchen- oder Schmierinfektion übertragen wird, besonders gut an Orten, wo viele Menschen auf einmal sind. Das ist im ÖPNV der Fall. Wäre dem nicht so, wären ja die Maßnahmen der Regierung völliger Mumpitz. Und ich sage ganz klar: Gegenwärtig sind die Menschen im Auto oder auf dem Rad besser aufgehoben als im ÖPNV. Ich würde zurzeit jedem raten, den ÖPNV, wenn möglich, zu meiden.



4 mal bearbeitet. Zuletzt am 28.03.2020 02:34 von Railroader.
Zitat
Nemo
Es gibt schlichtweg kein brauchbares Alternativkonzept zum ÖPNV.

Also ist das Alternativkonzept für einen großen Teil der Bevölkerung Home Office und zu Hause bleiben.

Zitat

Nebenbei sind es in Deutschland nicht die Orte mit benutztem ÖPNV die die Topaddressen für eine Ansteckung. Von daher scheinen andere Orte besser geeignet zu sein um sich anstecken zu lassen als ein voller Bus. Gab es eigentlich auch nur einen einzigen Fall, wo man davon ausgeht dass die Ansteckung im ÖPNV erfolgt ist?

Da sich die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehen lassen, gibt es keinen Fall, in dem gesichert ist, dass sich ein Patient bei der Nutzung des ÖPNV infiziert hat.
Aber welche Orte sollten besser geeignet sein, sich zu infizieren als ein voller Bus?

Zitat

Es mag ein Risiko bestehen, aber es ist nur dann groß wenn man mit den angestrebten aber nicht zumutbaren 140% Auslastung fährt.

Wie willst du in einem gut ausgelasteten Bus 1,5 oder gar 2,0 m Abstand zu anderen Fahrgästen halten?

Grüße
Nic
Zitat
Lehrter Bahnhof
Die massiven Taktausdünnungen bestätigen leider das Image des öpnv, dass man sich in der Not nicht darauf verlassen kann.

Ironischerweise habe ich es bei meinen S-Bahnfahrten zur Arbeit in den letzten beiden Wochen fast umgekehrt erlebt: Der Betrieb auf der unverändert gut bedienten S 2 und der Ringbahn war lange nicht so zuverlässig wie jetzt. Bei der durchschnittlichen Besetzung der Züge ist auch ein deutlich größerer Abstand zu den anderen Reisenden möglich als normalerweise.

Wenn man natürlich den gefahrenen Takt halbiert, wie bei der Berliner U-Bahn (möglichst noch mit dem an Dummheit kaum zu überbietendem Spruch garniert, man wolle keine heiße Luft durch die Gegend fahren), mag das anders aussehen.

Die disproportionale Entwicklung des Angebots (zugespitzt: S-Bahn und Oberflächenverkehr der BVG hui, U-Bahn pfui) ist mir sowieso ein Rätsel - aber dafür haben wir in Berlin ja kluge Leute, die einem kleinen Licht wie mir diese Art der Angebotsgestaltung sicher schlüssig erklären könnten.

Bleibt alle gesund,
Marienfelde
Zitat
Ingolf
Zitat
schallundrausch
Hier ist eine aufschlussreiche Grafik dazu:
[twitter.com]

Natürlich fahren aktuell weniger Autos (absolut), aber viele Menschen fahren gerade bevorzugt Auto, die sonst in den Öffis unterwegs sind. Es besteht die berechtigte Sorge, dass Leute ihre Gewohnheit ändern und sich der Modal-Split hin zum Auto verschiebt.


Im Moment lässt sich die Situation wohl am Besten folgendermaßen beschreiben: Der Verkehr in seiner Gesamtheit ist deutlich zurückgegangen. Und es gab deutliche Verschiebungen beim Modal Split: Anteile gewonnen haben der MIV, Rad- und Fußverkehr, massenhaft verloren der ÖPNV.

Und ja, eine derartige Pandemiesituation ist - neben allem persönlichen Leid und wirtschaftlichen Verlusten - für den Öffentlichen Verkehr ein Desaster. Was im Sinne eines effizienten und nachhaltigen Verkehrs einer seiner größten Vorteile ist - nämlich die sehr platzsparende Beförderung einer großen Anzahl vom Menschen - wird jetzt durch die sehr leichte Übertragbarkeit des Virus zu einem entscheidenden Nachteil. Das lässt sich auch nicht lösen, dieser Systemnachteil lässt sich leider nicht beseitigen. Privatabteile für jeden einzelnen Fahrgast wird es kaum geben können...

Zusätzlich fatal wirkt, dass etliche Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger noch einen draufsetzen, indem sie das Angebot weit stärker zurückfahren, als von der verbliebenen Nachfrage gerechtfertigt. Dem Fahrgast und der Politik wird signalisiert: wir wollen eigentlich auch gar nicht für die Fahrgäste und die Gesellschaft da sein.
Gerade dazu wurde ja in diesem Forum in den letzten Tagen schon viel geschrieben.

Und ja, ich befürchte, dass der Öffentliche Verkehr durch diese Krise nachhaltig Schaden nehmen kann.
Viele werden sich sagen, das Auto bietet einem die größte Sicherheit in allen Lebenslagen. Egal, wie oft man im Stau steht. Und viele Politiker werden genauso denken, und die Rahmenbedingungen für den Kauf und Nutzung des Autos verbessern. Und ja, es werden auch Menschen permanent vom ÖPNV auf das Fahrrad umsteigen. Dieser Verkehr bleibt zwar immerhin im Umweltverbund, aber trotzdem fehlen dann die Einnahmen für den ÖPNV, denn er gewinnt ja von den anderen Verkehrsmitteln auch keine neuen Nutzer.

Der Finanzbedarf für die Wiederherstellung von Wirtschaft und Gesellschaft wird nach der Krise immens sein - ob dann wirklich die Bereitschaft bestehen wird, den imagemäßig angeschlagenen Öffentlichen Verkehr ausreichend zu finanzieren?

Das ist zwar spekulativ, was ich hier geschrieben habe - doch nicht völlig außerhalb möglicher Szenarien. Was vielleicht ein Hoffnungszeichen für eine schnelle Erholung des ÖPNV sein kann, zeigte sich im Nachgang nach in den letzten Jahren deutlich zugenommenen Streiks: die Fahrgäste sind flexibel genug, dass sie schnell wieder zum ÖPNV zurückgekehrt sind. Ob das hier auch greifen wird?

Bleibt gesund!
Ingolf

Vorab: Man sollte immer beachten, wer welche Positionen vertritt. Es gibt auch Verkehrswissenschaftler, deren Affinität zum "klassischen" ÖPNV weniger ausgeprägt ist, ohne deren Positionen pauschal abqualifizieren zu wollen. Die eigene Grundposition wirkt sich mit Sicherheit auch auf die jeweils vertretene Argumentationslinie bei neuen, aktuellen Problemlagen aus.

Wenn man ohnehin die Grundposition vertritt, der ÖPNV sei lediglich eine Art Ventil für den sonst nicht bewältigbaren Verkehr in den Städten, sind drastische Angebotsreduzierungen bei Bussen und Bahnen in der jetzigen Situation kein Problem - schließlich gibt es ja keine (Auto-) Staus mehr, die aus dieser Perspektive die alleinige Rechtfertigung für ein gutes ÖPNV-Angebot darstellen. Euch mag so eine Argumentation als Unfug erscheinen, aber es gab und gibt Positionen, die in diese Richtung gehen.

Dazu kommt bei vielen Betrieben sicher die (bittere) Erfahrung der letzten Jahrzehnte, hinsichtlich der Finanzausstattung von der Politik nichts zu erwarten zu haben - wenn man damit rechnen "darf", auf einem größeren (betriebswirtschaftlichen) Defizit sitzengelassen zu werden, streicht man das Angebot eben zusammen.

Irgendwann wird sich die Situation aber hoffentlich wieder normalisieren. Dann wird auch die jetzt verdeckte Frage nach dem mit der Automobilität verbundenen Platzbedarf wieder deutlicher sichtbar werden - ebenso die verkehrspolitischen Grundüberzeugungen in den unterschiedlichen "Lagern", die sich meist nicht ändern werden.
Nun, psychologisch schafft das geschlossene Auto ein Gefühl der Sicherheit. Nebeneffekt: Wenig Verkehr, also fast Entspannung.
Ich schaffe es derzeit von Pankow nach Mahlsdorf in 30 bis 45 Minuten, je nach Tageszeit.
Obwohl die S-Bahn so zuverlässig fährt wie vor über 20 Jahren, das muss man deutlich sagen.
Ich gehe mal auf den Eingangspost ein.
Ja, das könnte sein, dass erst mal eine gewisse Zahl von Menschen den ÖPNV meiden werden.
Das ist aber abhängig von den Maßnahmen und der weiteren Forschung.

Alle tappen im Moment im Dunkeln, es wird wie man so oft hört, auf Sicht gefahren.
Wahrscheinlich wird es mehrstufig wieder zu einem Normalzustand kommen.

Das heisst die Gruppen die nicht Risikogefährdet sind können wieder normal raus. Diese werden auch ÖPNV fahren.
Dann geht es für die nächste Gruppe weiter die dann die anderen schon den ÖPNV nutzen sieht.
Ganz am Ende der Entwicklung stehen die Einführung von Schnelltests und die Verfügbarkeit eines Impfstoffes so dass die Sicherheit wie wir sie kennen zurück ist.

Was aber wichtiger als all das ist, ist wie wir uns selbst künftig verhalten. Besonders im ÖPNV. Dieses ungeschützte Rumgehuste, Rumgespucke und in Mülltonnen Gewühle all das muss ein Ende haben.
Ich hatte was das angeht Berlin da in den letzten Jahren sehr unhygienisch erlebt. Ich wünsche mir dass da ein Umdenken bei jedem einzelnen stattfindet. Da haben dann auch alle was von.

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Neues vom Ostkreuz im Ostkreuzblog
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Railroader
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schallundrausch
Viele Leute entdecken gerade das Radfahren (wieder) für sich. Das ist gesund, stärkt das Immunsystem, macht bei dem aktuellen Wetter richtig Freude, und man hält ganz intuitiv 1,5m Abstand.

Das ist soweit richtig, entdecke es auch selbst gerade wieder für mich. Aber es hat für mich auch seine Grenzen, nämlich dann, wenn der Weg zur Arbeit durch die Fahrt mit dem Rad deutlich mehr Zeit benötigt als mit dem ÖPNV (oder für Andere die Fahrt mit dem Auto). Zum Feierabend ist es entspannt, da habe ich alle Zeit der Welt, nicht aber, wenn ich zum Dienst muss.

Ich fahre vor Allem wieder gern mit dem Rad, wenn ich keinen Zeitdruck habe, um zum Beispiel Freunde zu besuchen (wenn auch nicht in der gegenwärtigen Situation) oder um einfach mal rauszukommen. Da können es dann auch 30-40 Kilometer am Tag sein.

Also, ich habe 17 km Arbeitsweg. Und ob ich dabei durchgehend mit dem Rad fahre oder mit ÖPNV (U-Bahn, U-Bahn, M-Bus, 9+2 Minuten Fußweg) ist in der Summe zeitlich ziemlich egal, sofern beim ÖPNV alles klappt. Wenn mal ne U-Bahn ausfällt und der Anschluss zum Bus dadurch weg ist, hat der ÖPNV verloren. (Ist natürlich im Stadt-Umland-Verkehr anders).

Und ich hatte andere Wohn- und Arbeitsorte. War immer ähnlich. Trotz prinzipiell gutem ÖPNV: wenn Umsteigen und ein kleines Reststück Fußweg dazu kommt, war rein ÖPNV genauso schnell wie das Rad (die Kombination ÖPNV+Rad etwas schneller).

Ich fahre allerdings selten die 17km mit dem Rad. Ich bin nicht ängstlich, aber es macht schlichtweg keinen Spaß. Trotz einer Route mit relativ hohem Nebenstraßenanteil und einigen Grünabschnitten. Und genau da sehe ich einen großen Ansatzpunkt: eine Infrastruktur zu schaffen, wo die Leute wirklich bequem über längere Strecken Rad fahren (8 bis 10 km würden schon reichen, es müssen nicht immer 17 sein).
Zitat
Ingolf
Und ja, es werden auch Menschen permanent vom ÖPNV auf das Fahrrad umsteigen. Dieser Verkehr bleibt zwar immerhin im Umweltverbund, aber trotzdem fehlen dann die Einnahmen für den ÖPNV, denn er gewinnt ja von den anderen Verkehrsmitteln auch keine neuen Nutzer.

Das wäre doch das beste, was passieren kann! Ingolf, denke doch bitte den Umweltverbund als Ganzes.

Hinsichtlich der Umweltbilanz schneidet das Fahrrad deutlich besser ab als der ÖPNV, vor allem solange die Busse durch die Stadt dieseln und in unserem Strommix (U-Bahn, Straba, E-Bus) noch ein guter Anteil Atomkraft + Kohle enthalten ist. Die wertvolle regenerative Energie kann an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden.

Argument "fehlende Einnahmen": Der ÖPNV ist doch ohnehin auch finanziell ein Zuschussgeschäft... Ein Einnahmeverlust hält sich also arg in Grenzen. (Dennoch hat er ja eine wichtige gesellschaftliche Funktion und deshalb lohnt sich das Zuschussgeschäft, ermöglicht ÖPNV doch Mobilität auf weiten Wegen und für Menschen, die nicht das Fahrrad nutzen können oder wollen.

usw.usw.

Der ÖPNV sollte aber doch nicht für sich selbst und aus Prinzip einen bestimmten Anteil im Umweltverbund halten.
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