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S-Bhf. Friedrichsfelde Ost; Neubau Rhinstraßenbrücke
geschrieben von Arnd Hellinger 
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krickstadt
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"Wutzkman" am 2.1.2020 um 23.37 Uhr:

Es muss nicht im Detail sein. Die ungefähre Idee würde schon reichen. Denn so sachte gehen meine Betamax-Kassetten zur Neige ;)

Für Datensicherungen über Zeiträume von bis zu zehn Jahren (gesetzliche Vorgabe zum Aufbewahren von Unternehmensdaten) kann alles mögliche verwendet werden, sowohl magnetische (Magnetbänder, Festplatten) als auch optische Medien (Film, CD, DVD, Blu-ray, WORM). Danach fallen magnetische Medien ziemlich häufig aus und müssen optische Medien umkopiert werden.

Einer meiner vormaligen Arbeitgeber hat Anfang der 1990er Jahren für das Bundesarchiv eine auf optischen, einmal beschreibbaren Medien basierende Lösung gebaut, für die eine Bestandsgarantie von 30 Jahren gegeben wurde. Was daraus geworden ist, weiß ich aber leider aufgrund von Arbeitgeberwechseln nicht.

Bei entsprechender Lagerung (kühl, trocken und und eventuell abgeschirmt) können magnetische und optische Medien aber sehr viel länger halten (das Vorhandensein von funktionierenden Lesegeräten vorausgesetzt). Meine in den 1980er Jahren bespielten VHS-Cassetten und die im gleichen Zeitraum gekauften CDs funktionieren immer noch ganz gut. Einige Festplatten, die ich vor dem "Kaputtgehen" gegen welche mit einer größeren Kapazität getauscht habe, liegen bei mir im Regal und müssten 'mal wieder angeschlossen werden, um zu testen, ob sie noch verwendet werden können. ;-)

Gruß, Thomas

PS: Natürlich haben auch auf dem Datenträger "Papier" basierende Archive ihre Berechtigung. Allerdings kämpfen diese weltweit gegen den Papierfraß und haben sehr viel größere Aufwände zu leisten, was Platzbedarf, Lagerungsbedingungen und Durchsuchbarkeit der Bestände angeht (siehe z. Bsp. die gerade umfangreich sanierte Staatsbiliothek Unter den Linden).

Erlaubt mir den kurzen OT-Einschub, aber ich finde das Thema - wie J, Wutzkman und Thomas - unglaublich interessant.

Was Dauerhaftigkeit angeht, so ist Papier und Tinte nach wie vor das Mittel das Wahl. Insbesondere solches aus gegerbten Tierhäuten - echtes Pergament - ist extrem langlebig und liefert selbst nach mehreren tausend Jahren noch eine hervorragende Lesbarkeit.
Aber auch Papier aus Zellstoffen - Baumwolle und Holzfasern - bringt es auf sehr lange Lebensdauern von mehreren hundert, bis weit über tausend Jahren. Das Problem des Zerfalls, ja der quasi Selbstzerstörung von Papier, wie Thomas sie beschreibt, ist dabei keine generelle Konstante, sondern von der chemischen Zusammensetzung, und damit von regionalen Herstellungstraditionen abhängig.

Exkurs: ich habe mich im Studium sehr viel mit Bach beschäftigt. Der hatte das Pech, dass im Barock in Mitteldeutschland Papier vor allem aus Lumpen (Altkleidern) hergestellt wurde und das Papier durch die Herstellung säurehaltig war. Dazu kam, dass die zu der Zeit verwendete Tinte (die hat er mit Pigmenten in Stabform, die im Mörser fein zermahlen werden sowie Wasser oder Öl selbst anrühren müssen) ebenfalls säurehaltig war. Das hat für den Moment funktioniert, aber über die Jahrhunderte hat sich die Tinte immer tiefer durch das Papier gefressen. So weit, dass im 20 Jhd. deutliche Vertiefungen an den beschrieben Stellen sichtbar waren, bis hin zum Durchbruch, bei dem einzelne Striche aus dem Papier fallen. Es sieht aus, als wären Notenköpfe und -hälse feinsäuberlich aus dem Papier gestanzt worden. Übrig bleibt das unbeschriebene Papiergerüst. Beispielsweise ist das Autograph der H-Moll-Messe, welches sich in der Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin befindet, auf diese Weise vollständig und unrettbar zerstört.

In Norditalien war es zur selben Zeit Mode, Papier bei der Herstellung mit Kreidesteinen abzureiben, um es besonders glatt und weiß zu machen. Die optische und haptische Wirkung hatte aber einen chemischen Nebeneffekt, der viele Jahrhunderte später zum tragen kommen sollte. Der alkalische Kalkstein war in der Lage, etwaige Säure im Papier zu binden und zu neutralisieren. Außerdem hatte die dort verwendete Tinte eine andere, weniger saure Zusammensetzung. Etliche Autographe von Bachs Zeitgenosse Vivaldi befinden sich deswegen noch heute in einem hervorragenden Zustand. Bach-Autographe befinden sich hingegen fast alle im mehr oder weniger fortgeschrittenen Zustand des Verfalls. Das kann aufgehalten werden, durch das sehr aufwändige, konstenintensive und handwerklcih höchst anspruchsvolle Verfahren des Papierspaltens. Dabei werden Vorder- und Rückseite eines Papiers auf jeweils ein Hilfspapier geleimt und das Papier in der Mitte so stark durchtränkt, dass die Bindungen im Innern sich lösen und es mit den Hilfspapieren in zwei Blätter, eine Vorder- und eine Rückseite auseinandergezogen werden kann. Ein neues, neutrales Trägerpapier wird dann als Kern dazwischengeleimt, die Hilfspapiere an beiden Seiten zum Schluss entfernt. Stell dir Gehinrchirurgie als relativ grobmotorisch Hackerei dagegen vor.

Leider sind die Kapazitäten sowohl an Personal und an Kosten begrenzt. Es gibt wenige Spezialisten, die das überhaupt können. Und so ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, bei der selbst bei einem weltbedeutenden Schöpfer wie Bach abgewogen werden muss, welche Schriften es zu erhalten gilt, und welche aufgegeben werden müssen. Von anderen, weniger prominenten Archivalien, sieht die Situation noch viel bitterer aus.

Ein Verfahren zum dauerhaften Aufbewahren von Textdokumenten auf begrenztem Raum stellt die Mikroverfilmung dar. Das ist einerseits sehr platzeffizient, denn ein einziger Mikrofilm kann bis zu 20.000 DIN A4-Seiten abbilden. Das entspricht ca. 80 MB Textdaten in der Größe einer Festplatte; hier sieht man, dass erst vor wenigen Jahren digitale Datenträger eine größere Datendichte erreicht haben, als analoge. Andererseits ist das sehr dauerhaft, denn chemischer Film hat eine Lebensdauer von rund 500 Jahren.

Da sind wir auch schon bei Bilddaten und Bewegtbildinhalten - auch hier ist der chemische Film bis heute unschlagbar. Und damit meine ich sowohl Auflösung, Kontrastumfang als auch Langlebigkeit. hatte vor einiger Zeit eine rund hundert Jahre alte Filmkopie in den Händen - eingelegt, abgespielt, wundervoll. Bei dem Kontrast und der Schärfe kann man dagegen jeden UHD-4k-Fernseher locker in die Tonne kloppen.
Die Langlebigkeit von Schwarzweißfilm liegt deutlich über der von Farbmaterial und beträgt - modernes Trägermaterial und gute Lagerbedingungen vorausgesetzt - bei prognostiziert ebenfalls 500 bis 600 Jahren. Farbfilme - auch digitale - lassen sich übrigens relativ problemlos mittels Farbseparationsverfahren auf drei einzelne (rot, grün, blau) Filme mittels Laser ausbelichten, die Speicherung erfolgt dann wiederum auf S/W-Material. Diese Lösung wird kommerziell am Markt angeboten und ist die zukunftsicherste Aufbewahrung für Film- und Videoinhalte.

Das Bringt mich zu Deiner @Wutzkman - scherzhaften - Frage nach den BETA-Kassetten. Scherzhaft deswegen, weil sich Beta zwar im Consumerbereich (Betamax) nicht hat durchsetzen können, aber im Broadcasbereich über etliche Jahrzehnte mit den Unterformaten Betacam, Betacam SP und später Digibeta den Industriestandard darstellte. Das Format ist alive and kickin' und Du wirst keine Probleme haben, auf dem Markt Kassetten zu finden. Ich meine, dass sogar der RBB noch bandbasierte workflows anwendet, weil er als einer der einzigen Sendeanstalten noch keine Komplettumstellung auf filebasierte Kameras und Postproduction durchgeführt hat. Ich müsste mal unseren BetacamSP-Player aus dem Regal holen. Würde mich aber nicht überraschen, wenn der auf Anhieb perfekt funktioniert. SONY halt.

Und das bringt mich zum letzten Punkt und wieder - in weitem Umweg - zum Nahverkehr. Die BR480 hat uns allen vor Augen geführt, dass es bei Dauerhaftigkeit nicht nur auf das physische Medium an ankommt, sondern auch auf die technische Möglichkeit und die humane Kompetenz, dieses auszulesen. Die von Thomas angesprochene (ich glaube zumindest er meint die ) "DVD-Eternity" verspracht ein Lebensdauer von 30 Jahren, was lächerlich gering ist. Aber schon bevor das Medium versagt - durch kriechen, Verformung, Korrosion oder Demagnetisierung - begegnen wir dem Phänomen der technischen Obsoleszenz. Wer kennt noch iOmega Streamer? und wer hat noch einen, der tatsächlich funktioniert? Das beste Medium taugt nichts, wenn die technischen Geräte, die zum Lesen nötig sind, nicht mehr verfügbar, oder nicht mehr supported sind. Und da reicht in der digitalen Welt schon ein tagelanger Nichtbetrieb: die Batterie auf den Mainboard macht schlapp, das Gerät findet die Presets oder die Firmware nicht mehr, Dokumentation und Support wurde eingestellt, die Programmiersprache wird nicht mehr verstanden, das Gerät wird unbrauchbar. Einziger Ausweg sind komlexes reverse-Engineering oder forensische Datensicherung.

Während bei analogen Daten das lesen mit einfachsten oder gar ohne jede Technische Geräte möglich ist, bleibt einem im digitalen nur das ständige Umkopieren (und -formatieren!) auf den jeweils aktuellen Stand. Eine Aufbewahrung über längere Zeit oder gar ohne Stromzufuhr von außen ist bis jetzt noch nicht darstellbar.
Auch wenn es, nun ja, nicht ganz so viel mit der Rhinstraßenbücke zu tun hat, vielen Dank für Deine Mühe, schallundrausch, ich fand Deinen kleinen Exkurs wirklich sehr interessant!
Wow..! Wahnsinnig interessanter Beitrag, vielen Dank für die Mühe!
Danke, du hast imgrunde alles gesagt, was ich eigentlich auch erwähnen würde, habe mich dann aber zurückgehalten, um den Thread nicht weiter vollzuspammen ;-)

Eine Anmerkung habe ich aber - Ich habe es im Studium (in Seminaren und auf Exkursion zur ehemaligen Papierfabrik Hohenofen bei Neustadt (Dosse) sowie im Geheimen Staatsarchiv) völlig anders gelernt, was den Säuregehalt angeht: das frühere Lumpenpapier hatte eine bessere Qualität und längere Haltbarkeit durch den niedrigen Säuregehalt, im Gegensatz zum vergleichsweise säurereichen Papier auf Holzbasis. Bis vor etwa 150 Jahren war das Papier bedingt durch den Rohstoff viel haltbarer, die Probleme kamen erst durch die massenhafte Verbreitung vom billigen Papier hölzernen Ursprungs.

Die Sache mit dem Tintenfraß war bedingt durch die Inhaltsstoffe der Eisengallus-Tinte (Berliner Blau), welche mit der Zeit zerfielen und Säure freisetzten. Die Säure stammte aus der Tinte, nicht von dem Papier.

Es gibt aber Verfahren, um den Säuregehalt in alten Schriftstücken zu kontrollieren und den langsamen Zerfall erheblich zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten - Google "Massenentsäuerung"

Im Übrigen stimme ich dir vollumfänglich zu, das Verfahren der Papierspaltung ist äußerst spannend, ich habe mich immer gewundert, wie es möglich sein soll, ein dünnes Blatt gleichmäßig zu spalten, ohne größere Schäden zu verursachen. Das zur Unterstützung verwendete Papier (Hadernpapier oder Japanpapier) ist so hauchdünn, dass es praktisch klar durchsichtig und selbst nicht erkennbar ist, wenn es auf dem eigentlichen Dokument aufliegt.

Ich bin übrigens ein "Fan" von Mikrofilm, lange haltbar, kompakt, kann im Gegensatz zum digitalen Scan ohne Qualitätsverlust beliebig stark vergrößert werden (Naja, bis auf die Korngröße der Entwicklersubstanz) und kann auch ohne Strom benutzt werden - Teelicht und Lupe reichen aus.

Daher gibt es das Projekt der Bundessicherungsverfilmung: die wichtigsten Dokumente aus allen Landesarchiven werden auf Mikrofilm gebannt, in mehreren Kopien ausgefertigt und jeweils eine davon wird in einem ehemaligen Silberbergwerk, dem Barbarastollen, 800 Meter unter der Erde verwahrt. Eine Absicherung für die Zukunft.
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Jay
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Henning
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T6Jagdpilot
[...]
Ein Glück darf so eine Tonne nicht in die Köpenicker Halle ;-)

T6JP

Warum darf der GT6 nicht in die Köpenicker Halle?

Die Frage wurde hier im Forum schon häufiger beantwortet. Solltest du dir mit deinem Wissen eigentlich auch selbst herleiten können. ;)

Die Wagen sind 10 cm breiter als die historischen Fahrzeuge und die Tatra. Dadurch dürfen sie die Hallentore nicht passieren. Das betrifft natürlich auch die Flexity, wenn die mal irgendwann ins Köpenicker Netz dürfen. Darum soll ja auch ein neuer Betriebshof in Adlershof gebaut werden.

Ich wusste bis jetzt nur, dass die Flexity 10 cm breiter als die GT6 sind. Aus diesem Grund dürfen die Flexity nicht in Köpenick eingesetzt werden. Was müsste man machen um dies zu ändern?

Es war mir nicht bekannt, dass die GT6 schon 10 cm breiter als die KT4D sind.
Edit



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 03.01.2020 23:57 von Wutzkman.
Hallo Arian,

auch von mir vielen Dank für Deinen "Ausflug" in die Papier- und Filmwelt (vieles davon war mir unbekannt).

Ich dachte bei meinem kurzen Abriss eher, dass sich "J. aus Hakenfelde" auf digitale Medien bezog, und wollte meine Erfahrungen damit einwerfen. Mir kommen dabei immer wieder philosophische Phrasen wie "Unsere Lebenszeit ist nur ein Wimpernschlag im Ablauf des Universums" in den Sinn, und dass sich z. Bsp. meine Kinder nicht für das interessieren, was ich in meinen kleinen (Verkehrs- und Film-)Archiven aufbewahre (also spätestens in 30 Jahren in den Müll wandern wird).

Also mache ich beruflich das, was ich gelernt habe: Für meinen Arbeitgeber die maximal mögliche Sicherung seiner Daten über die gesetzlichen Zeiträume hinweg zu gewährleisten (z. Zt. als nächtliche Kopie auf Festplatten in einem Raid 1-Verbund und als sonntägliche Kopie auf LTO 6-Bändern). In meinem privaten PC befindet sich im Übrigen ein Hardware Raid-Controller und vier in zwei Raid 1-Verbünden zusammengeschlossene Festplatten mit aktuell knapp elf TiB Plattenplatz. Damit fühle ich mich relativ sicher vor Datenverlusten.

Zitat

"schallundrausch" am 3.1.2020 um 17.08 Uhr:

Die von Thomas angesprochene (ich glaube zumindest, er meint die) "DVD-Eternity"

Nein, von einer "DVD-Eternity" habe ich noch nie gehört. Ich vermute, dass Du meinen Bericht von meinem vormaligen Arbeitgeber und dem Projekt mit dem Bundesarchiv meinst. Die Firma ist 1996 liquidiert worden, damit vermutlich auch das Projekt. Die verwendeten Medien sind mir nicht bekannt, da ich nicht unmittelbar beteiligt war. Vermutlich sind es Sonderlösungen gewesen, die keine Bekanntheit im Consumerbereich hatten/haben.

Ansonsten habe ich noch einen interessanten Artikel in der Wikipedia zum Thema "Langzeitarchivierung" gefunden, der einige Deiner Ausführungen bestätigt:
<https://de.wikipedia.org/wiki/Langzeitarchivierung>.

Viele Grüße, Thomas

--
Thomas Krickstadt, Berlin, Germany, usenet@krickstadt.de
Ich hab mir jetzt gute 5 Minuten Zeit genommen und hin und hergescrollt, aber leider keinen guten Ansatzpunkt gefunden, um diesen interessanten aber themenfremden Strang auszugliedern, ohne an irgendeiner Stelle die Diskussion zu zerlegen. Insofern muss er leider in diesem Thread bleiben.

Ich nutze die Gelegeheit, um daran zu erinnern den "Beitrag beantworten"-Button zu nutzen, wenn ihr auf einen anderen Beitrag reagiert, ohne die "Beitrag zitieren"-Funktion zu nutzen. Nutzt ihr das Schnellantwortfenster am Ende des Threads, dann wird der Beitrag automatisch ganz oben angehängt, was eine nachträgliche Bearbeitung (jenseits des Löschens) deutlich erschwert.

Und ich möchte auch noch einmal 'dezent' darauf hinweisen:
[www.bahninfo-forum.de]
Zitat
myself
Ein "+1"/"gefällt mir" kann in Einzelfällen mal passen, sollte aber keinesfalls inflationär verwendet werden. Die Zustimmung zu einem vorhergehenden Beitrag kann man auch in Satzform ausdrücken. Schöner wäre es natürlich, wenn man dann auch noch eigene Argumente ergänzend einbringt.

Gruß, Tom Gerlich - stv. Forumleiter
Vielen Dank, dass die äußerst interessante Diskussion uns erhalten werden konnte und nicht wegen Off-topic gnadenlos entfernt wurde.

Hier zeigt sich aber auch ein Nachteil dieses Forums, nämlich dass es keinen Off-Topic- bzw. "Plauderecke"-Bereich gibt, wie in vielen anderen Foren, wo solche Diskussionen kanalisiert werden können.
Wui! Danke Euch allen für das nette Feedback und danke an Tom, dass er mich an vollkommen falschem Platz gewähren lässt. Danke besonders an J. für die Ergänzungen und Korrekturen in Bezug auf Papierqualität und Tintenfraß, Du hast natürlich vollkommen Recht, so habe ich das auch gelernt, nur in meiner Erinnerung einiges durcheinandergebracht.

Erlaubt mir, noch eine Bach-Anekdote hinterherzuschieben. Die verdeutlicht auch, warum es wichtig ist, neben Faksimiles, Abschriften, Fotografien und anderen (langfristigen) Sicherungen auch die Originale, die Autographe, also die Handschriften zu bewahren und zu sichern.

Wir hatten uns an der HU in einem Seminar zwei Semester lang mit Bachkantaten beschäftigt, überwiegend dem zweiten Leipziger Zyklus. Unser Dozent (damals noch nicht Professor), Forscher vom Bach-Archiv Leipzig, hatte uns versprochen, dass wir uns zum Abschluss einige Werke in Form der Handschriften anschauen würden. (Er war das aus seiner Forschungstätigkeit gewohnt, ständig mit den wertvollen Originalen zu hantieren.) Die StaBi Berlin hat die größte (oder zumindest bedeutendste) Sammlung von Bach-Autographen, ein anderer großer Teil liegt in Leipzig im Bach-Archiv. Also bot sich das an, bei den Kollegen auf der anderen Straßenseite anzuklopfen. Weit gefehlt.

Die Bürokratie und die Sicherheitsvorschriften waren enorm, die Auflagen hoch, die Bedingungen eng. Er hatte das mehrfach beantragt, das wurde aber jeweils abschlägig beschieden. Die Autographe lagern gekühlt und klimatisiert in einem Tresor. Für ein - gut zu begründendes - Forschungsvorhaben sei man bereit, spezifische Exemplare rauszuholen, jedoch nicht weil sich eine beliebige Studentengruppe mal Bachhandschriften anschauen wolle. Die Archivare weigerten sich und schoben den Schutz der Handschriften vor.
Es folgte ein Kleinkrieg Leipzig-Berlin, dessen Einzelheiten ich zu gern mitbekommen hätte. Es endete damit, dass unser Dozent bei der Bibliotheksleitung anrief und einen ziemlich deutlichen Text losließ (er war schon damals einer der renommiertesten Bach-Forscher, gleichzeitig die Zartheit und Freundlichkeit in Person), dass er persönlich für die Unversehrtheit der Dokumente bürge, und die Berliner Kollegen sich doch mal nicht so anstellen und mit dem Eiertanz aufhören sollten. Auf einmal war alles kein Problem. Die Archivare erhielten eine Anweisung von ganz oben, und wir machten uns auf.
Der Leiter des Archivs empfing uns persönlich, betont freundlich, sichtlich zerknirscht. Unser Dozent führte uns dann wie ein Hausherr durch die Sammlung. Natürlich hat niemand von uns Jacken oder gar Rucksäcke abgegeben. Wir nahmen dann in einem abgedunkelten Sichtungsraum Platz, wo der Archivar, weißbehandschuht, sehr betulich, zuckerstfreundlich, innerlich kochend, uns die Autographe auf Lesepulten darbot.
Obgleich wir am Faksimile, also an Farbreproduktionen der Originale, gearbeitet hatten, war der Unterschied zum Original deutlich und frappierend. Das hat viel damit zu tun, dass die Papieroberfläche quasi plastisch ist und durch ihre Oberflächenstruktur viele sonst verborgene Informationen offenbart. So zum Beispiel Stellen, wo der Autor Fehler mit der Rasierklinge ausgekratzt und dann neu überschrieben hatte. Durch das angeraute Papier hat sich die Tinte im zweiten Auftrag in den Papierfasern verästelt. Im Faksimile kaum zu erkennen, war die Korrekturstelle im Original mit bloßem Auge sofort zu sehen.

Und noch etwas haben die Autographe erzählt. Bach war brillanter Handwerker und konnte analytisch-mathematisch sehr weit vorausdenken. Sehr analog zu einem Schachspieler, der viele Züge im voraus auf ihre Abhängigkeiten untersucht, oder jemandem, der ein Sudoku nicht löst, sondern im Kopf entwirft. Der barocke Kontrapunkt kennt viele 'Vorfahrtsregeln' wie sich unterschiedliche Stimmen zu verhalten haben, wenn es zum Konflikt kommt, so dass frühe Entscheidungen im Thema in den ersten Takten zu Abhängigkeiten führen, die erst viel später zum Problem werden. @PassusDuriusculus kann Euch da viel mehr darüber erzählen.
Gleichzeitig hatte er nicht das kreative Genie z.B. eines Mozart oder eines Offenbach, die einfach und ohne nachzudenken Melodien am laufenden Band aus dem Stegreif erfinden konnten. Bach musste sich regelmäßig mit Werken anderer Komponisten warmspielen, bevor er selber auf Ideen kam und eigene Kompositionen aufs Blatt brachte. Genau das sah man auch in diesem Autograph. Die ersten paar Takte waren unbeholfen, fast krakelig notiert. Eine ganze Passage war wieder gelöscht worden, man sah deutlich die Spuren, wie mit angelecktem Daumen die noch frische Tinte wieder abgewischt worden war, mit energischer Geste. Sobald das Thema stand, wurde die Notenschrift flüssiger und regelmäßiger, den restlichen Satz hat er dann einfach nur noch runtergeschrieben.
Auch die Reihenfolge, in der die Teile der Kantate geschrieben worden waren, waren nun mit einem Blick zu erfassen. Sehr sparsam, wie der Bach war (Papier war teuer und kostbar) hatte er den Schlusschoral mitten auf das Blatt in ein noch halbleeres Notensystem reingequetscht. Der vierstimmige Satz war kaum zu entziffern, aber das war nicht schlimm, da das Blatt eh nur sein persönliche Gedächtnisstütze sein würde und Vorlage für seine Kopisten, die daraus die Reinschrift für die Instrumentalisten und Sänger anfertigen würden. Nicht wichtig genug, jedenfalls, als dass er ein neues Blatt Papier geopfert hätte.

Der Archivar entließ sich dann von uns mit allerlei Unterwürfigkeitsgesten, betonte, wie wertvoll die Schriften seien, wie restriktiv sie damit umgingen, wie groß der Konflikt sei zwischen konservieren und öffentlich machen, dass sie die Gesuche, von überallher, auch die ihrer spendabelsten Mäzene, stets ablehnen würden (alle wollen immer Beethoven IX sehen) und er sich sehr freute, uns das ermöglicht haben zu können. Er verabschiedete uns höflich und verfluchte uns innerlich.

Unsere Gruppe hatte den erkenntnisreichsten und spaßigsten Tag des Semesters.
Und wenn ich dann noch daran denke, dass ich nach dem Studium auf der Seite dieser zerknischten, innerlich kochenden Herrscher der Magazine, Könige des Papiers, Bewahrer des Wissens und Türsteher im Berghain der Wissenschaftler, auch bekannt als Lesesaal, stehen werde... ;-P
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